Politics

Sachverständigenrat senkt Prognose deutlich


Schon in den vergangenen Wochen hatten Deutschlands führende Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Konjunkturprognosen immer weiter nach unten korrigiert. Jetzt legt das wichtigste wirtschaftspolitische Beratungsgremium der Bundesregierung nach. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung geht davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr nur noch um 1,8 Prozent wächst. Das ist mehr als eine Halbierung seiner Prognose aus dem November. Damals hatten die „Wirtschaftsweisen“ für dieses Jahr noch ein Wachstum von 4,6 Prozent prognostiziert. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und die hohen Energiepreise verschlechterten die wirtschaftliche Aussichten „drastisch“, schreibt das Gremium in seiner am Mittwoch vorgestellten neuen Prognose.

Auch wenn bislang weiter Gas und Öl aus Russland fließt, das Energieangebot also noch nicht knapper geworden ist: Allein die Unsicherheit über die weitere Entwicklung hat die Energiepreise zuletzt deutlich in die Höhe getrieben. Hinzu kommen wie schon zu Beginn der Corona-Pandemie unterbrochene Lieferketten, weil etwa die Autohersteller keine Kabelbäume mehr aus der Ukraine bekommen. Und auch die Lebensmittelpreise bereiten Ökonomen Sorgen. In diesem Bereich ist das Angebot schon knapper geworden, mit der Ukraine fällt ein wichtiger Exporteur von Weizen auf dem Weltmarkt aus. Russland hat die Exporte von Dünger eingeschränkt. Selbigen in Deutschland herzustellen ist teuer, weil für die Produktion große Mengen Gas benötigt werden. Die Inflationsrate dürfte durch die hohen Energiepreise in diesem Jahr auf 6,1 Prozent steigen, sagt der Sachverständigenrat voraus. Damit würde sie mehr als dreimal so hoch liegen wie der Zielwert der Europäischen Zentralbank (EZB) von 2 Prozent. Im vergangenen Jahr war das Preisniveau um 3,1 Prozent gestiegen.

F.A.Z. Newsletter Ukraine

Täglich um 12.00 Uhr

ANMELDEN




„Die große Abhängigkeit von russischen Energielieferungen birgt das erhebliche Risiko einer geringeren Wirtschaftsleistung und höherer Inflation“, schreibt der Rat – und rät der Politik: „Deutschland sollte umgehend alle Hebel in Bewegung setzen, um sich gegen einen Stopp russischer Energielieferungen zu wappnen und die Abhängigkeit von Russland zu beenden.“ Zu der derzeit unter Ökonomen umstrittenen Frage, ob Deutschland beziehungsweise die EU von sich aus die Importe aus Russland stoppen sollte, in der Hoffnung, damit Russlands Präsident Wladimir Putin zu stoppen, bezieht der Rat indes nicht klar Position. Er verweist lediglich auf Studien, wonach sich Öl vergleichsweise einfach auch aus anderen Ländern beziehen ließe, dies bei Gas wegen der fehlenden Infrastruktur aber ungleich schwieriger sei. „Insbesondere könnte die deutsche Volkswirtschaft infolge eines Importstopps für russische Energieträger – unabhängig davon, ob dies vonseiten der EU oder Russlands ausgeht – in eine Rezession geraten“, heißt es im Gutachten.

Wissen war nie wertvoller

Lesen Sie jetzt F+ 30 Tage kostenlos und erhalten Sie Zugriff auf alle Artikel auf FAZ.NET.

JETZT F+ LESEN




In Deutschland gibt es anders als in anderen europäischen Ländern bislang keine Terminals für Tanker mit Flüssiggas. Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck (Grüne) rief am Mittwoch die Frühwarnstufe des „Notfallplans Gas“ aus. Dieser regelt, welche Bereiche im Fall eines Gasmangels als erste weniger Energie bekommen. Dies beträfe vor allem die Industrie. Privathaushalte und die kritische Infrastruktur wie Krankenhäuser würden Priorität haben. Im vergangenen Jahr bezog Deutschland mehr als die Hälfte seiner Gaslieferungen aus Russland, inzwischen ist der Anteil laut Habeck auf 40 Prozent gesunken.

Der Sachverständigenrat setzt darauf, dass sich die Weltlage im kommenden Jahr entspannt. Für 2023 sagen die Ökonomen – seit dem Ausscheiden von Lars Feld hat der Rat aktuell nur noch vier Mitglieder – 3,6 Prozent Wachstum voraus. Die Inflation soll dann auf 3,4 Prozent zurückgehen, was immer noch mehr als der Zielwert der EZB wäre. Zumindest einen positiven Aspekt hält das neue Gutachten auch bereit: „Im Sommerhalbjahr 2022 dürfte der Konsum kontaktintensiver Dienstleistungen zunehmen und positiv zur Entwicklung des BIP beitragen.“ Sprich: Wenn wegen steigender Temperaturen und wegfallender Corona-Beschränkungen die Menschen wieder mehr Einkaufen, Essen, auf Konzerte und auf Reisen gehen, könnte das zumindest ein kleiner Lichtblick sein. Insgesamt bleibt der Ausblick aber düster.



Source link

Leave a Reply

Your email address will not be published.