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Personalmangel in Freibädern: Flaute am Beckenrand


Stand: 12.06.2022 06:41 Uhr

Einen Tag pro Woche schließen, weil es nicht genügend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gibt: Vielen Freibädern bleibt in diesem Jahr keine andere Möglichkeit. Wenn sich die Lage nicht schnell bessert, ist zu befürchten, dass einige ganz schließen müssen.

Idyllisch liegt das Freibad im saarländischen Landsweiler-Reden mitten im Grünen. In zwei Becken können Badegäste ihre Bahnen ziehen oder planschen. Eine 70 Meter lange knallrote Rutsche schlängelt sich ins Nichtschwimmerbecken. Eingerahmt wird der Schwimmbereich von einer Liegewiese mit Spielplatz, Beachvolleyball-Feld und einer Tischtennisplatte. Das Bad, eins der ältesten im Landkreis Neunkirchen, hat viele Stammgäste, wie Charlotte Hoff: “Ich komme mindestens einmal am Tag zum Schwimmen.”

In der Hauptsaison mittwochs geschlossen

Außer mittwochs. Denn seit dem 1. Juni muss das Freibad trotz Hauptsaison an dem Tag schließen. Dem Bad sei nichts anderes übriggeblieben, sagt Schwimmmeisterin Silvia Keller. Lange Zeit habe man nach einer weiteren Fachkraft für Bäderbetriebe gesucht, aber niemanden gefunden, auch nicht für einen Tag: “Da laut Arbeitszeitverordnung jedem einmal pro Woche wenigstens ein freier Tag zusteht, ist meiner nun der Mittwoch. Und weil ansonsten keine Fachkraft da ist, muss das Bad an diesem Tag geschlossen bleiben.”

Mitarbeiter für die Beckenaufsicht gibt es genug, doch die Technik muss eine ausgebildete Fachkraft überwachen und prüfen: “Die Badegäste können krank werden, wenn beispielsweise nicht genügend Chlor im Wasser ist. Zu viel Chlor wiederum kann Allergien oder Ohrenschmerzen auslösen”, erklärt Keller, die seit mehr als 40 Jahren in ihrem Beruf arbeitet.

Personalmangel – ein verbreitetes Problem

Im Saarland müssen weitere Freibäder Lösungen für ihre Personalprobleme finden: Auch das Freibad Wallerfangen im Landkreis Saarlouis ist schon seit einiger Zeit an Montagen geschlossen. Die vier Bäder in der Landeshauptstadt Saarbrücken finden ebenfalls kein Personal – allerdings für die Kassen, sagt die Geschäftsführerin Gabriele Scharenberg-Fischer. Das Freibad in der Kleinstadt Bexbach konnte durch ein Online-Buchungssystem Personal einsparen. Trotzdem bleibt die weitere Personalsuche jedes Jahr spannend, sagt ein Verantwortlicher der örtlichen Stadtwerke.

Das ist jedoch kein rein saarländisches Problem: Vor allem in Hessen, Baden-Württemberg, Bayern und den östlichen Bundesländern mussten schon Bäder schließen, weil sie kein Personal fanden, erklärt Eric Voß, der den Bereich Aus- und Fortbildung bei der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen leitet. Wie viele der laut Bäderatlas insgesamt rund 3000 Frei- und Kombibäder in Deutschland davon ebenso betroffen sind, kann Voß nicht sagen. Es sollen jedoch Daten gesammelt werden, um Prognosen für die kommenden Jahre stellen zu können. Denn fest steht: Es fehlt an Nachwuchs.

Software statt Schwimmeister?

Für viele sei der Beruf des Fachangestellten für Bäderbetriebe nicht attraktiv: Arbeiten am Wochenende, keine üppige Bezahlung und Meldungen über gewaltbereite Badegäste tragen nicht gerade zu einem besseren Image bei. Voß, der selbst ausgebildeter Schwimmmeister ist, steht in engem Kontakt mit den Bädern, die sich um Lösungen bemühen: “Einige lassen externe Firmen die Technik machen oder es kümmert sich ein geschulter Wassermeister der Stadtwerke darum.” Auch gebe es technische Entwicklungen wie eine Software, die erkennt, wenn eine Person am Ertrinken ist. Das könne dazu führen, dass weniger Fachpersonal gebraucht würde.

“Seit wegen Corona die Bäder geschlossen waren, gibt es einen generellen Arbeitskräftemangel in den Schwimmbädern: Viele haben sich andere Jobs gesucht.” Für Kioske gebe es keine Pächter mehr, für viele Studierende kommt ein Aushilfsjob als Rettungsschwimmer nicht mehr in Frage, weil die Uni-Stundenpläne weniger Flexibilität ermöglichten. Und nicht zuletzt der demografische Wandel macht der Branche Sorgen.

Junge Menschen aus dem Ausland anwerben

Mit Menschen arbeiten, sich körperlich fit halten und das draußen an einem schönen Arbeitsplatz, das schätzen Schwimmmeister an dem Beruf, sagt Voß: “Vielen jungen Menschen ist gar nicht bewusst, dass das ein dreijähriger Ausbildungsberuf ist und man sich zum Meister fortbilden kann.” Deshalb spricht er sich dafür aus, dass Auszubildende in Schulen gehen und mit den Schülern ins Gespräch kommen.

Er selbst habe auch schon bei Urlauben im Ausland für die Ausbildung geworben. Aus Ländern mit hoher Jugendarbeitslosigkeit wie Griechenland ließen sich potentielle Kräfte nach Deutschland holen. Auch müsse man mit der Bundesagentur für Arbeit zusammenarbeiten und Einrichtungen, die Umschulungen anbieten. Und generell an einem besseren Image arbeiten.

Nach Corona keine Einschränkungen mehr

Gerade im Sommer ist personell alles auf Kante genäht – krank werden oder abspringen darf keiner. Das Schwimmbad in Landsweiler-Reden bleibt bis auf weiteres mittwochs geschlossen. Viele Badegäste hatten sich nach den strengen Corona-Regeln darauf gefreut, in diesem Jahr schwimmen zu gehen, wann immer sie dazu Lust haben. Trotzdem: Einen freien Tag in der Woche brauche jeder, sind sich viele Badegäste in Landsweiler-Reden einig.

Was passiert, wenn Schwimmmeisterin Keller in ein paar Jahren in Rente geht und nicht mehr an sechs Tagen in der Woche am Beckenrand steht, darüber wollen sie aber lieber nicht nachdenken. Keller selbst weiß, was sie dann tun wird: “Dann komme ich zum Frühschwimmen.”Natürlich nur, wenn sich bis dahin ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin findet.



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