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Kieser zieht aus Frankfurter Bahnhofsviertel weg


Die Fitnessstudio-Kette Kieser Training verlässt ihren ältesten Standort in Deutschland – weil sie ihren Kunden und Mitarbeitern die Zustände rund um den Hauptbahnhof nicht länger zumuten will. Kieser betreibt das Studio im westlichen Teil der Niddastraße. Gleich um die Ecke, in der Ottostraße, schließen die Gastronomen James und David Ardinast gerade ihr Restaurant Stanley, und auch sie begründen diesen Schritt unter anderem mit der zunehmenden Verwahrlosung im Viertel.


Inga Janović

Redakteurin im Regionalteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortliche Redakteurin des Wirtschaftsmagazins Metropol.


Daniel Schleidt

Koordinator der Wirtschaftsredaktion in der Rhein-Main-Zeitung.

Kieser spricht in einer Mitteilung an seine Kunden von standortbedingten „negativen Umständen“ und entsprechenden Rückmeldungen von Studiobesuchern und Mitarbeitern als Grund, weswegen man nach einem neuen Standort Ausschau gehalten habe. Dieser sei nun im Marienturm an der Taunusanlage gefunden, im ersten Quartal des nächsten Jahres, vermutlich im März, könne dort Eröffnung gefeiert werden.

Umgebung führt zu wirtschaftlichem Schaden

Kieser-Mitglied Joachim Röhr kann die Entscheidung des Unternehmens, den Standort an der Niddastraße aufzugeben, verstehen. Er hat bereits davon gehört, dass ein Umzug geplant sei – und kennt auch Berichte anderer Studio-Besucher, bei denen sich das Gefühl der Unsicherheit in den vergangenen Jahren verstärkt habe.

Mit einer dünnen Jacke und einem Rucksack verlässt der Mann gerade das Studio, an dem auf einem Schild der Slogan „Wir stärken Frankfurt den Rücken“ steht. Röhr sagt, so richtig sicher fühle er sich beim Besuch des Studios nicht, „oft hat man ein mulmiges Gefühl, wenn man sieht, was hier vor der Tür so los ist“. Dann versuche er, auf der Straße einen Bogen um die Leute zu machen, die auf ihn einen seltsamen Eindruck machen. Auch sei er bereits angesprochen worden, ob er denn etwas kaufen wolle, ohne überhaupt genau zu wissen, worum es geht, erzählt der ältere Herr.

„Die Umgebung ist zwar nicht die beste, wenn man aber die Drehtür hinter sich hat, sieht die Welt viel besser aus“, ließ ein anderes Kieser-Mitglied die Welt vor zwei Jahren in einer Internetbewertung über die Filiale der Studio-Kette wissen, deren Ursprung am Ende der Sechzigerjahre in der Schweiz liegt. Eine andere, schon vor fünf Jahren verfasste Internetkritik klingt, als sei sie in dieser Woche verfasst worden: „Wermutstropfen: das durch die Lage angezogene, seltsame Publikum – sehr schade, denn das verursacht dem Betreiber wirtschaftlichen Schaden und die Polizei ist nur zu selten präsent, Problem war schon im Hessischen Rundfunk und in der F.A.Z. angesprochen, ändern tut sich leider wenig“, heißt es da.

Tatsächlich ist die Diskussion um die Zustände in den Straßen rund um den Bahnhof und Alternativen zum sogenannten Frankfurter Weg in der Drogenpolitik wieder aufgeflammt. Auch weil ansässige Unternehmen sagen, dass sie ihre Kunden nur noch ungern zu sich kommen lassen.

Ereignisse ausblenden nicht möglich

Joachim Röhr kann die Ereignisse auf der Straße, auf der häufig auch Drogenkranke und Dealer anzutreffen sind, nicht so gut ausblenden wie wohl andere. Auch beim Trainieren bekomme man immer mal wieder mit, dass es draußen Ärger gebe, sagt er. Das Studio befindet sich im Erdgeschoss eines Altbaus. Röhr kommt, seit er aus Bayern nach Frankfurt gezogen ist, regelmäßig mit der Straßenbahn aus seiner Seniorenresidenz in Bockenheim zum Trainieren.

Demnächst wird er wohl einen neuen Weg einschlagen müssen. Ein komplett neu eingerichtetes Studio in „zentralerer und modernerer Lage“ verspricht der Fitnessanbieter, der in der Schweiz, Österreich und Deutschland rund 160 Studios betreibt und dabei weniger auf Körperästhetik, sondern vor allem auf medizinisches Training setzt, für die Zukunft im Marienturm. In der Umzugsmitteilung ist die Rede von modernster Ausstattung und weiteren, noch nicht näher beschriebenen Annehmlichkeiten.

In die Vorfreude mischt sich bei den Betreibern Wehmut: Das Kieser-Studio in der Niddastraße ist die älteste Adresse des Unternehmens in Deutschland, Gabriele Kieser, Ehefrau des Unternehmensgründers, hatte sie 1990 gemeinsam mit der Physiotherapeutin Christiane Fritz als Pilotbetrieb für ein neues Trainingskonzept eröffnet.



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