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Kahn im Interview: “1999 habe ich als Sieg abgespeichert”



Oliver Kahn kennt die Tücken der Königsklasse. 1999 erlebt er das große Drama, um dann 2001 zum Helden zu werden. Im kicker-Interview spricht er über seine beiden Champions-League-Finals, den Begriff “Siegesfähigkeit” und seine besten Gegenspieler.


Das Interview für das Sonderheft des kicker anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der Champions League wird zu einer Zeitreise zurück in eine Vergangenheit voller unfassbarer Erlebnisse: Die Niederlage gegen Manchester United 1999 in der Nachspielzeit, der Meistertitel 2001 in Hamburg in letzter Sekunde, der alle Fesseln löste, damit vier Tage später die Champions League gewonnen wurde. Oliver Kahn (52) schüttelt immer wieder den Kopf, lacht verzückt: “Wahnsinn! Was für eine intensive Zeit.”


Herr Kahn, welcher internationale Topstürmer ist Ihnen am ehesten in schlechter Erinnerung geblieben: der Brasilianer Ronaldo oder Filippo Inzaghi?


Inzaghi und Weah. Beide trafen oft gegen mich.


Von George Weah mussten Sie Ihren ersten Treffer in der Champions League hinnehmen, am 14. September 1994 in Paris …


… genau (lacht). Und dabei habe ich mich sogar noch verletzt. Ich kann mich noch gut erinnern. Außerdem hatten wir gegen Paris eine unheimlich schlechte Bilanz …


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… vier Niederlagen, zwei Siege.


Gegen Milan hatten wir in dieser Phase fast nie eine Chance, Pippo Inzaghi war nicht zu sehen und hat dann doch getroffen. Außerdem habe ich mir mit Raul viele Duelle geliefert, weil wir sehr oft gegen Real Madrid gespielt haben. Das war eine sehr, sehr spezielle Rivalität. Aber wir haben uns sehr respektiert.


Ronaldo gelangen im WM-Finale 2002 beide Tore gegen Sie. Wie oft traf Inzaghi gegen Sie?


Viermal?


Einmal mehr, fünfmal. Zwischen 1994 und 2008 absolvierten Sie in elf Saisons 103 Partien in der Königsklasse, gehören da wie fünf andere Keeper zum 100er-Klub. Sind Sie zufrieden mit dieser Bilanz?


Ich bin sehr zufrieden damit, hätte die Champions League aber gerne einmal mehr gewonnen. Aber eigentlich habe ich sie einmal mehr gewonnen, 1999 habe ich für mich noch immer als Champions-League-Sieger abgespeichert. Die letzten zwei Minuten lasse ich einfach weg (lacht).


Der Spanier Iker Casillas führt diese Liste mit 177 Einsätzen an, Manuel Neuer folgt mit bislang 128 Spielen, der Italiener Gianluigi Buffon steht mit 124 auf Platz 3. Wer waren die prägenden Torhüter in drei Jahrzehnten Champions League?


Casillas kam jung dazu, er war sehr prägend; auch Buffon. Natürlich war Peter Schmeichel bei Manchester United prägend. Der Franzose Fabien Barthez. Edwin van der Sar war ein ganz Großer.


Was machte wen aus?


Van der Sar war fußballerisch der Beste. Er fiel schon damals dadurch auf, dass er das Spiel von hintenheraus anders verstand und sehr gut am Ball war. Damit hat er die Anfänge des heutigen Torwartspiels gesetzt, das andere und ganz besonders Manuel Neuer fortgesetzt haben. Van der Sar war da der Pionier. Buffon machte eine besondere Persönlichkeit aus. Alle diese Torhüter hatten das komplette Paket. Fabien Barthez war ein bisschen der positiv verrückte Typ, auf der Linie überragend mit tollen Reflexen. Er machte auch unkonventionelle Sachen, die immer gut gingen.


Im April 2001, vor dem 1:0-Sieg des FCB im Viertelfinale in Old Trafford, schoss Barthez aufs Tor, nahm Flanken volley. Sie schüttelten nur den Kopf?…


… Barthez war außergewöhnlich, ein bunter Vogel. Schmeichel war der Torwart meiner Generation, an den ich mich angelehnt habe, physisch stark, unglaublich präsent. Es war diese Torwartgeneration, etwas älter als ich, die ich zum Vorbild hatte.


Hat sich zu einem dieser Topkeeper ein zwischenmenschliches Verhältnis entwickelt?


Ja, zu Schmeichel. Wir hatten einmal denselben Werbepartner, für den wir Spots drehten und uns deshalb oft trafen. Peter ist ein großartiger Typ.

Glück und Pech im Finale


Im Finale 1999 war er bei zwei Toren entscheidend beteiligt. Baslers Freistoß hätte er halten müssen, vor dem 1:1 tauchte er am Fünfmeterraum auf und war in jenem Luftkampf aktiv, der letztlich über Umwege zum Tor durch Teddy Sheringham führte.


Ich habe Peter damals gefragt, welche Rolle im Finale 1999 Glück und Pech gespielt haben. Darüber wird im heutigen Fußball ja auch gerne diskutiert: Was hat das alles mit Glück zu tun?


Ihre Antwort?


Es ist ein Spiel. Glück und Pech gehören da manchmal dazu. Klar, höchstes Können ist die Voraussetzung, aber: Spielglück ist auch von Bedeutung. Und so war es an jenem Abend. Es hätte auch ganz anders laufen können.


Scholl traf den Pfosten, Jancker die Latte?…


… eben Pech und Glück.


Sorgen diese Debatten dafür, dass die Spieler irgendwann glauben, was da verhandelt wird?


Jeder Spieler weiß zwei Dinge. Erstens: Wenn ich ein Topspieler bin, kann ich ein Spiel entscheiden. Zweitens: Wenn ich eine Topmannschaft habe, kann ich gegen jeden Gegner gewinnen.


Schießen große Teams oft am Schluss entscheidende Tore, weil sie daran glauben, dass sie dazu in der Lage sind, und weil es auch die Gegner glauben?


Das ist die Psychologie dahinter. Das andere ist die Qualität. Da ist eben ein Robert Lewandowski, der den Ball reinhaut; wir hatten damals Giovane Elber oder Stefan Effenberg, die imstande waren, mit genialen Aktionen alles für uns zu entscheiden.


Figo, Zidane, Ronaldo: Das war Wahnsinn.



In Ihren 103 Partien kassierten Sie 102 Treffer, 33-mal keinen, spielten also in knapp jedem dritten Spiel zu null. Haben Sie einen guten Job gemacht?


Meine Abwehr und ich, wir haben zusammen einen guten Job gemacht.


Wer waren die größten Spieler Ihrer aktiven Zeit?


Die “Galaktischen” von Real waren gigantisch. Da stand ich im Tor und schaute zu, was abging, wenn sie am Ball waren, und fragte mich: Wie willst du hier gewinnen? Das war außergewöhnlich, allerdings hatten wir nicht zu viel Respekt. Wir haben uns gewehrt. Da standen auf der Gegenseite Luis Figo, Zinedine Zidane, der Brasilianer Ronaldo, David Beckham, Raul, Roberto Carlos. Dieses Team war der Wahnsinn.


Trotzdem gab es sieben Siege, ein Remis und nur vier Niederlagen mit Ihnen im Tor?…


… ja, wir hatten eine Superbilanz gegen Real.


Gegen ManUnited gab es zwei Siege, vier Remis und die eine Niederlage im Endspiel 1999. Waren Real und ManUnited die größten Konkurrenten?


Absolut, ja.


1999/2000 siegte Bayern dreimal gegen Real, 4:2, 4:1 in der Zwischenrunde, im Halbfinale 2:1 nach 0:2, K.-o.! Sind Sie da an der Fußballwelt verzweifelt?


Im Rückblick war es schon brutal. Andererseits war unsere Mannschaft angetrieben von diesem verlorenen Finale, das tief in uns saß. 2012 war es genauso, eine solche Niederlage ist ein unglaublicher Treiber. Weil es so schmerzhaft ist und du diesen Titel unbedingt gewinnen willst, spielst du weit über deinem Level in den folgenden ein, zwei Jahren, um diesen Titel doch noch zu holen.


In welchem Stadion hatten Sie den meisten Spaß?


Im Old Trafford, im Bernabeu in Madrid, im Camp Nou in Barcelona. Äußerst ungern habe ich in Mailand gespielt, nur gegen Milan, weil wir da nichts gerissen haben. Doch so ist die Ironie des Fußballs: Das wichtigste Spiel haben wir im Meazza gewonnen, gegen Valencia, das Finale 2001.


Welches Ihrer zwei Endspiele kommt Ihnen heute zuerst in den Sinn, jenes von 1999 oder das 2001er?


Wenn ich bei Veranstaltungen frage, wer sich noch an 1999 erinnern kann, gehen alle Hände hoch, sofort. Ich glaube, daran können sich die Leute mehr erinnern als an 2001. Dieses Endspiel ist total abgespeichert bei Bayern-Fans, wahrscheinlich genauso wie das Finale dahoam.


Ich war fix und fertig, vollkommen leer.



Trainer Ottmar Hitzfeld sagt, 1999 war die brutalste Niederlage seiner Karriere. Auch Ihrer?


Dem kann ich nur beipflichten. Wer das miterlebt hat … Wie Uli Hoeneß nachher in der Kabine auf der Massagebank lag, diese Bilder sind noch in meinem Kopf. Oder dieser Lärm hinter mir beim zweiten Tor! 30.000 Manchester-Fans, das ist alles unvorstellbar, was sich da abgespielt hat


War all das trotzdem eine fruchtbare Erfahrung?


Darauf hätte ich sehr gerne verzichtet, weil ich über das Thema Siege und Niederlagen heute aus psychologischer Sicht sehr viel weiß. Dieses Thema, dass man aus Niederlagen lernen müsse, ist viel zu positiv besetzt. Niederlagen führen zunächst dazu, dass man sehr verunsichert ist. Niederlagen sollte man sich ersparen. Und – das ist nachgewiesen – man lernt vor allem aus dem Gewinnen. Da lernst du eben, wie du etwas gewinnst. Aus der Niederlage lerne ich nur, wie ich etwas nicht machen soll. Aber wenn dich eine Niederlage trifft – das passiert in jedem Leben -, bleibt dir nichts anderes übrig, als damit zu leben.


In welchen Bildern sind diese 102 Sekunden mit den zwei Gegentoren 1999 noch in Ihrem Kopf präsent?

Ole Gunnar Solskjaer erzielt den Siegtreffer.


Den Siegtreffer von Ole Gunnar Solskjaer können Michael Tarnat und Oliver Kahn nicht verhindern.
www.imago-images.de



Mir blieb vor allem dieses zweite Tor in Erinnerung, dieser Eckball, die Verlängerung per Kopf, wie Michael Tarnat am Pfosten steht und nach diesem Tor alles zusammengesunken ist – anders als 2001 im letzten Spiel in Hamburg, als wir das 0:1 bekamen und nicht mehr alle zusammensanken. Wir hatten es verinnerlicht: Wir haben noch unglaublich wichtige vier Minuten Zeit…


… “Weiter! Immer weiter!” riefen Sie, dieses mittlerweile geflügelte Wort?…


… es war der Effekt aus 1999: jetzt nicht schon wieder! Lasst uns diese vier Minuten nutzen!


Wie haben Sie diesen Tiefschlag 1999 verarbeitet?


Ich war fix und fertig, vollkommen leer, ging irgendwann runter zum Bankett, stellte mich irgendwohin und ging gleich wieder hoch aufs Zimmer. Diese Niederlage, diese Zeit brachte mich an meine Grenzen. Es war zudem eine Phase mit unglaublich vielen Spielen. In der Folgesaison wurde in der Champions League die Zwischenrunde eingeführt, ich war die Nummer 1 in der Nationalelf geworden. Da musst du aufpassen, vor allem, wenn du nach dem Prinzip funktionierst: Ich muss sehr viel trainieren, nur so kann ich meine beste Leistung bringen. Aber es gibt eine natürliche Grenze. Man kann viel trainieren, mehr und noch mehr; aber irgendwann ist Schluss. Ich kann mich an Momente erinnern, da habe ich mit Sepp Maier eine Stunde und 45 Minuten Torwarttraining gemacht. Die anderen Spieler fuhren schon nach Hause, ich flog noch immer durch die Gegend (lacht). Das sind halt Torhüter, die sind ein bisschen verrückt.


War es trotzdem ein schönes Leben?


(atmet tief durch) Ja. Im Rückblick bleibt das Positive hängen. Aber ich war nach 20 Jahren irgendwo froh, dass es vorbei war. Es war der richtige Zeitpunkt für mich, so sehr ich es genossen habe, all diese großen Spiele erleben zu dürfen.

“Die Fähigkeit, die Dinge durchzuziehen”


War der Titel 2001 nur wegen 1999 möglich?


In jedem Fall war die Mannschaft noch erfahrener und hatte ihre Lektion gelernt. Eine große Rolle spielte die Meisterschaft in Hamburg vier Tage zuvor, deshalb waren wir dermaßen überzeugt, dass wir auch – da sind wir wieder beim Thema – das nötige Glück auf unserer Seite haben. Man darf nicht vergessen: Im Finale 2001 waren wir nur auf der Verliererstraße. 0:1, Scholl verschießt den Elfmeter, dann das 1:1, Elfmeterschießen, wo wir den ersten verschießen. Trotzdem haben wir gewonnen. Ich nenne das Siegesfähigkeit…


… neuerdings des Öfteren. Was meinen Sie damit?


Siegesfähigkeit heißt für mich, auch das Finale zuzumachen, die Deutsche Meisterschaft im entscheidenden Moment zu gewinnen. Das als Siegermentalität abzutun, ist mir zu allgemein. Es ist mehr, es ist die Fähigkeit, die Dinge durchzuziehen. Da brauchst du eine besondere Qualität. Eine gute Mentalität haben viele, auch in anderen Vereinen. Sie versuchen ebenso, jedes Spiel zu gewinnen. Im Unterschied dazu hat der FC Bayern auch die Fähigkeit, den Titel zu gewinnen.


War die Schimpfrede Franz Beckenbauers in Lyon am 6. März 2001 der entscheidende Schub?


Sie war in jedem Fall legendär und führte dazu, dass die Mannschaft sagte: Franz, dir zeigen wir es jetzt.


In Mailand 2001 kam der verletzte Jens Jeremies aus der Kabine und sagte als Erstes: Jetzt brauchen wir uns wenigstens nicht mehr das Gerede von Uli Hoeneß anhören, wie toll die früher waren?…


(lacht auf) … ich erinnere mich…


Muss die heutige FCB-Generation im Fall der Fälle auch einen Beckenbauer’schen Auftritt des Vorstandsvorsitzenden Oliver Kahn befürchten?


Kann ich mir nicht vorstellen. Mit der jetzigen Generation muss man anders umgehen. Was Franz damals gemacht hat, war genau richtig, aber es würde heute wohl nicht mehr funktionieren.


Was machte die damalige Bayern-Generation aus?


Was machte die damalige Bayern-Generation aus? Wir waren auch Top-Profis, sicher; aber die heutige Generation steigt schon besser ausgebildet in den Beruf ein und ist weiter, besser. Es ist alles auf die jeweilige Zeit zu beziehen. Wir sollten aufhören, über Generationen hinweg zu vergleichen!


Ist es dann legitim, Weltfußballer zu wählen?


Ja, Zidane war zu meiner Zeit herausragend, Lionel Messi und Cristiano Ronaldo waren es in den vergangenen zehn, zwölf Jahren, Diego Maradona und Lothar Matthäus in ihrer Zeit.

Oliver Kahn


Oliver Kahn hält den entscheidenden Elfmeter im Champions League Finale 2001.
imago sportfotodienst



War der letzte Elfmeter in Mailand der intensivste Moment Ihres Lebens, das Glücksgefühl schlechthin? Oder der 1:1-Ausgleich in Hamburg?


Wenn du so Deutscher Meister wirst, ist es unbeschreiblich. Und bei diesem Elfmeterschießen war ich wie besessen, es gab nur einen Gedanken: Ich muss dieses Spiel hier gewinnen! Das Elfmeterschießen ist ja ein Spiel im Spiel. Beim letzten Elfmeter Pellegrinos wusste ich nicht, dass es der entscheidende war. Ich habe mich nur konzentriert und redete mir ein: Egal, was passiert, ich muss jeden Ball halten! Dann halte ich diesen Elfer, schaue kurz zur Mitte, und dann rennen die Spieler los. Erst in diesem Moment habe ich realisiert, dass wir gewonnen hatten. Da kann man sich vorstellen, in welcher Welt ich war.


Da haben Sie sich um diesen spontanen Glücksmoment gebracht?


Ja, leider. Aber es war hinterher auch noch schön.

Paraden, Spiele und Gegentore: Kahns Erinnerungen


Ihr oberstes Ziel lautete, Bälle abzuwehren, die das menschliche Auge nicht mehr sehen kann. Welche Abwehraktion war Ihre spektakulärste?


Es müsste gegen die Glasgow Rangers im Olympiastadion gewesen sein …


… beim 1:0 im November 1999 …


… da kam eine Hereingabe in den Fünfer, ich laufe parallel zum Ball vom Pfosten zur Tormitte, ein Rangers-Spieler schießt gegen meine Laufrichtung, ich reiße irgendwie die rechte Hand hoch und lenke den Ball mit der Fingerkuppe an die Latte. Das war das ultimative Gefühl für mich. Da denkt man, die ganze Trainiererei lohnt sich doch.


Dass Ihnen Sepp Maier aus einem oder zwei Metern Tausende Bälle auf den Körper hämmerte.


So ist es.


War das Finale 2001 das Spiel Ihres Lebens?


Ja, wenn man es so plakativ sagen will. Es war eines der Spiele, die am meisten von mir in Erinnerung bleiben.


Sind Sie mehr Champions-League-Sieger, dreimaliger Welttorhüter oder WM-Zweiter 2002?


Alles ist Teil der Karriere.


Sie waren ein Meister der Kampfansage. Für das Rückspiel wählten Sie nach einem nicht guten Ergebnis im Hinspiel gerne offensive Worte. Waren die Gegner so zu beeinflussen?


Ich denke schon. Wenn du starkes Selbstbewusstsein ausdrückst, hat es eine gewisse Wirkung auf den Gegner. Du musst aber Taten folgen lassen.


Der FCB war für Real die “Bestia negra”, die schwarze Bestie, der Angstgegner. Empfanden Sie diese Bezeichnung als Ehrentitel oder Schimpfwort?


Für mich war es immer ein Ehrentitel, weil dieser Ausdruck zeigte, dass wir bleibenden Eindruck hinterlassen hatten (lächelt). Einmal reisten wir nach Madrid, da war auf der Sportzeitung Marca nur mein Gesicht abgebildet. Über dieser absoluten Nahaufnahme stand “El enemigo”, der Feind. Da hatte sich eine richtige Rivalität aufgebaut.


Haben Sie sich auf die Champions-League-Spiele besonders vorbereitet?


Natürlich. Bei Beckham wusste man, dass er mit viel Schnitt über die Mauer schießen würde. Wenn du den Schritt Richtung Tormitte gemacht hattest, kamst du nicht mehr an den Ball. Bei Roberto Carlos war es noch schwieriger. Einmal hat er den Ball mit dem Außenrist um die Mauer geschossen mit gefühlt 600 km/h. Bei Thierry Henry vom FC Arsenal wusste ich, dass er, wenn er sich seitlich durchgesetzt hatte, zu 90 Prozent mit der Innenseite in die lange Ecke schieben wollte. Wir hatten alle Informationen und die Gegner selbst beobachtet.


Im März 2004, bei der 0:1-Niederlage in Madrid, haben Sie gegen Zidane eine Grätsche über 10 bis 15 Meter ausgepackt …


(lacht) … ich kann mich nicht erinnern…


… wenn Sie Zidane erwischt hätten, hätten Sie ihn in der Mitte durchgefräst. Was für eine Aktion!


Ich erinnere mich noch an das Gegentor von Zidane.


In Ihrer Champions-League-Abrechnung stehen einmal der Titel, zweimal die Finalteilnahme, zweimal das Aus im Halb-, viermal im Viertel- und zweimal im Achtelfinale sowie einmal in der Vorrunde. Gefällt Ihnen diese Gesamtwertung?


Zur damaligen Zeit haben wir international das Maximale herausgeholt.


1997/98 gab es das Duell mit Dortmund …


… gegen Kaiserslautern spielten wir auch …


… Viertelfinale, März 1999, zu Hause 2:0, dann 4:0 …


Die 0:1-Niederlage in Dortmund war legendär, unser Trainer Giovanni Trapattoni war zutiefst enttäuscht. Der BVB war damals unser größter Konkurrent, Verlängerung, 0:1 Chapuisat, brutal. Jancker hatte eine Riesenchance gehabt. Und das Tor habe ich auch noch vor Augen.


Ihre letzte Saison mussten Sie im UEFA-Cup ertragen. War es der Wahnsinn im Viertelfinale in Getafe mit Riberys 1:1-Ausgleich in der 89. Minute und Luca Tonis 3:2 und 3:3 in der 115. und 120. Minute wert?


(überlegt, stöhnt) Ich hätte lieber in der Champions League gespielt, aber es war eine andere Fußballwelt damals. Man stelle sich heute vor, wenn sich Bayern nicht qualifizieren würde! Da wäre was los.


Im Halbfinale folgte in Sankt Petersburg das Aus nach einem deftigen 0:4. Warum akzeptierten Sie diesen internationalen Abschied so relativ gelassen?


Natürlich hat das geschmerzt. Aber der UEFA-Pokal ist nicht der Cup, mit dem sich Bayern identifiziert. Das muss man so ehrlich und direkt sagen. Natürlich hätten wir ihn gerne geholt.

Zwischen Objektivität und Emotionen


Das Finale 2020, den 1:0-Sieg gegen Paris, erlebten Sie auf der Tribüne als Vorstand. Hätten Sie die 90 Minuten lieber im Torwarttrikot erlebt?


Es ist gut, wie es ist.


Sie wirken auf der Tribüne gefasst und in sich gekehrt. Sind Sie ein geduldiger Zuschauer?


Es gibt Spiele, da bin ich sehr emotional. Karl-Heinz Rummenigge sagte mir im vorigen Jahr einmal mit einem Lachen: Wenn du in der Verantwortung bist, ist es noch mal etwas anderes.


Rummenigge galt als der schwierige Zuschauer. Uli Hoeneß sagt: Lag Bayern zur Pause hinten, wollte Rummenigge alle Spieler verkaufen; gab es noch einen Sieg, wollte er alle Verträge verlängern.


So war es wirklich (lacht). Ich versuche, nicht zu emotional zu sein, weil du sonst weniger rational das Spiel betrachtest …


… sagt der Mann, der auf dem Platz dermaßen von seinen Emotionen lebte …


… das eine ist als Spieler, das andere in der Verantwortung, wo ich die Übersicht bewahren muss. Wenn mein Bild ständig von Emotionen gefärbt ist, ist meine Wahrnehmung vielleicht verzerrt. Das Adrenalin beeinträchtigt den objektiven Blick. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich auf der Tribüne nicht innerlich mitgehe.


Jedes Produkt braucht mal eine Überholung


Oliver Kahn zur Champions-League-Reform


Welche Veränderungen sind in diesen drei Jahrzehnten die krassesten in der Champions League?


Der Hauptunterschied ist: Das einst defensive Spektakel, von Milan mit Franco Baresi im Abwehrzentrum so stark geprägt, wurde von Offensivfußball abgelöst. Und die Torhüter sind immer mehr zum elften Feldspieler geworden.


2024 startet ein neues Modell mit 36 Teams, die in einer Liga spielen. Wie finden Sie diese Reform?


Jedes Produkt braucht einmal eine Überholung. Am jetzigen Format stört mich, dass die Gruppenphase meist relativ früh und von denselben Klubs entschieden ist. Deshalb ist eine Weiterentwicklung mit einer Liga und einer Tabelle spannend. Ob das neue Modell der Weisheit letzter Schluss ist, kann ich aber nicht voraussagen. Es muss erst einmal mit Leben gefüllt werden.


Gibt die Neugier auf diesen neuen Modus dem Ganzen einen neuen Kick?


Natürlich gibt es einen zusätzlichen Kick. Auch die Tabelle. Zudem besteht von Anfang an die Möglichkeit auf spannende Partien zwischen Top-Mannschaften.


Ist sie vor allem finanziell reizvoller?


Ich bin jetzt bei der ECA und UEFA immer dabei: Natürlich geht es auch um Geld, aber zuallererst darum, den Wettbewerb so interessant wie möglich zu gestalten. Es ist immer so: Ein Format wird nur dann ein Erfolg, wenn es attraktiv ist und von den Zuschauern emotional angenommen wird.


Wie sehen Sie die kommenden zehn Jahre der Champions League? Ist sie schon die europäische Super League oder wird sie es erst?


Ab 2024 haben wir erstmals in Europa die reformierte Champions League. Wir müssen sehen, wie sich dieser Wettbewerb entwickelt. Aber eines kann ich sagen: Es wird nie der Fall eintreten, dass der FC Bayern nur noch in einer europäischen und nicht mehr in der nationalen Liga spielen wird.


Die Bundesliga bleibt also in ihrer Form erhalten?


So ist es.


Welche Rolle werden der FC Bayern, Borussia Dortmund und die anderen Bundesligisten künftig in der Königsklasse spielen?


Super ist, dass wir 2022/23 fünf Vertreter haben. Prognosen sind schwierig. Aber warum sollte die Bundesliga nicht wie 2013 wieder zwei Klubs im Finale haben? In der Europa League durchbrach Frankfurt mit viel Emotion die spanische Phalanx. Die Bundesliga kommt direkt hinter der Premier League neben den anderen Topligen Europas.


Wie bewerten Sie als Protagonist der Champions League diese 30 Jahre?


30 Jahre Champions League sind eine gewaltige Erfolgsgeschichte mit viel Gänsehaut. Wenn ich die Hymne höre, dann packt es mich, das war als Spieler schon so, und das ist heute so. Es ist eine Top-Veranstaltung.


Die Champions League feiert Geburtstag: Europas beste Liga wird in diesem Jahr 30 Jahre alt. Der kicker widmet dem Jubiläum ein Sonderheft mit ausgiebigem Blick auf die Geschichte des Wettbewerbs, alle Erfolge und das deutsche Abschneiden.

Das Cover des Sonderhefts "30 Jahre Champions League"


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Karlheinz Wild, Interview: Karlheinz Wild



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