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Interview mit Bayerns Ex-Sportdirektor Nerlinger



Er spielte unter anderem für den FC Bayern und Borussia Dortmund, war zudem von 2009 bis 2012 Sportdirektor bei den Münchnern. Heute führt Christian Nerlinger eine Berateragentur. Im kicker-Interview spricht der 49-Jährige über Meilensteine in seinem Leben, seinen heutigen Job, den Jugendwahn im Fußball und für ihn schwierige Phasen.


Was hat Ihnen, Herr Nerlinger, bei all Ihren Karrierestationen am meisten Freude bereitet? Profifußballer, Sportdirektor beim FC Bayern, Geschäftsführer bei ProSieben/Sat1 oder jetzt Ihr aktueller Job als Berater?


Am allermeisten Spaß hat gemacht, als ich als 14-jähriger Fußballer beim TSV Forstenried ein Probetraining bei Bayern München machen durfte. Nach diesen 90 Minuten sagte der Trainer zu mir: “Du kommst zum FC Bayern.” Ich konnte es kaum glauben. Diese Herausforderung anzugehen, war Wahnsinn. Im positiven Sinne. Das werde ich nie vergessen. Und auch mein erstes Profijahr unter Erich Ribbeck: Deutscher Meister, 32 Spiele, zwölf Tore. Da bin ich geschwebt. Wenn man als Spieler gesund ist, wenn man spürt, am richtigen Ort zu sein, ist es sehr schwer, das irgendwann wieder zu toppen. Das waren sicherlich zwei Meilensteine.


Und darüber hinaus?


Eine Aussage von Uli Hoeneß, als ich Teammanager war. Er kam zu mir an den Schreibtisch und sagte, dass seine Nachfolge noch offen sei und dass ich Gas geben solle. Ihm gefalle, wie ich arbeite. Das war brutal. Ein Ritterschlag auf dieser Ebene.


Was war die kniffligste Aufgabe oder Station für Sie bislang?


Ich kam in einer Phase zum FC Bayern, in der Veränderungen angestanden haben. Uli Hoeneß folgte auf Franz Beckenbauer als Präsident und Aufsichtsratschef. Er wusste schnell, dass er die Ämter anders als der Kaiser ausüben würde – nur glaube ich nicht, dass das alle anderen im Verein genauso gewusst haben. In diesen Übergang als Sportdirektor hineinzukommen, war nicht immer einfach. Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge sind zwei absolut charismatische Menschen, die dich mitnehmen, mitreißen können, von denen ich viel lernen konnte. Zwischen zwei solchen Alphatieren, bei denen es aber in der Vergangenheit auch nicht immer harmonisch ablief, war es allerdings oft schwer.


Heute leiten Sie Ihre Berater-Agentur CN Sports. Wenn Wikipedia Sie als Spielervermittler betitelt, ist das dann korrekt oder sollte in der Berufsbezeichnung zwischen Beratern und Spielervermittlern unterschieden werden?


Natürlich spielen Transfers eine zentrale Rolle. Aber man muss differenzieren. Louis van Gaal war der erste Trainer in meiner Zeit als Sportdirektor. Er kommt manchmal sehr hart rüber, aber er hat immer gesagt: “Christian, für mich ist ein Spieler nicht jemand, der den Ball von A nach B spielt. Für mich zählt die Persönlichkeit, die Familie. Ich muss verstehen, wer vor mir sitzt.” So interpretiere ich auch meinen Job. Ich bringe keinen Spieler von A nach B, das wäre mir zu mechanisch. Spieler sind keine Roboter, sie sind sehr individuelle Persönlichkeiten.


Meine Agentur wird sich niemals über die Quantität der Spieler definieren.



Also Individualität vor Quantität?


Meine Agentur wird sich niemals über die Quantität der Spieler definieren. Ich habe mit Fabian Dingler nur einen Mitarbeiter und ich übernehme immer die Verantwortung. Es wird nichts wegdelegiert. Ich mag es viel lieber, direkt und persönlich jedem einzelnen Spieler eine Perspektive, einen Weg und einen Plan aufzeigen. Wenn man dann zusammen eine Erfolgsgeschichte schreibt, bin ich glücklich.


Demzufolge sind Sie ein Dienstleister?


Ja, ein Unterstützer der Spieler, der seit über dreißig Jahren in verschiedenen Funktionen im Profifußball zu Hause ist. Manchmal bin ich auch ein Coach. Ich versuche, bei den wichtigen sportlichen, strategischen und wirtschaftlichen Themen gemeinsam mit den Spielern und deren engstem Umfeld optimale Entscheidungen zu treffen und sie in schwierigen Phasen bedingungslos zu unterstützen.


Ich glaube nicht, dass 16-Jährige all das, was da auf sie einprasselt, auch wirklich verarbeiten können.



Was sind die ersten wichtigen, strategischen Entscheidungen?


Der Weg vom Junioren- in den Profifußball. Manchmal entsteht Druck, Hektik, viele wollen zu schnell zu viel. Alles sollte auf einem gesunden Fundament basieren, man muss nicht mit 16 Jahren schon vor 80.000 Zuschauern spielen und einen Zehnjahresvertrag bei einem Sportartikelhersteller unterschreiben. Das halte ich für sehr gefährlich und bedenklich. Denn ich glaube nicht, dass 16-Jährige all das, was da auf sie einprasselt, auch wirklich verarbeiten können – weder physisch noch psychisch. Dieser Verantwortung müssen sich alle Beteiligten bewusst sein. Bastian Schweinsteiger beispielsweise hat seinen Top-Vertrag bei Bayern mit 26 Jahren unterschrieben, Robert Lewandowski ist mit 26 erst zu Bayern gekommen.


Was sind die verrücktesten Klauseln?


Davon halte ich nichts, das sollen andere machen (grinst).


Wie bewerten Sie die Konstellation, wenn in einem Verein Trainer und der eine oder andere Spieler denselben Berater haben?


In meiner Anfangsphase habe ich auch Trainer beraten, davon aber habe ich mich inzwischen distanziert. Es gibt Unternehmen, die sich um Trainer, Sportdirektoren, Physiotherapeuten kümmern, das ist okay. Ich habe für mich nur eine ganz klare Linie gezogen. Mein Thema sind die Spieler. Alles andere kostet zu viel Kraft, um keine Angriffsfläche zu bieten.


Wie wären Sie als Sportdirektor damit umgegangen?


Ich kenne die Verhandlungen mit van Gaal und Jupp Heynckes. Das waren Persönlichkeiten, die keinen Berater brauchten, ihnen reichte ein Anwalt für juristische, vertragsbezogene Angelegenheiten. Wenn Trainer und Spieler denselben Berater haben und im selben Verein tätig sind, kann das die Dinge schnell verkomplizieren.


Van Gaal hat Spieler und Werte entwickelt.



War van Gaal der richtige Trainer zur richtigen Zeit für den FC Bayern?


Wir haben uns in einem Appartement in Amsterdam getroffen. Karl Hopfner, Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeneß, ich und van Gaal mit orangener Krawatte. Am Abend zuvor war er mit AZ Alkmar Meister geworden. Er hat sehr direkt klargestellt: So bin ich, so arbeite ich. Wir wussten auf dem Heimflug: Mit ihm wird sich einiges an der Säbener Straße verändern. Auch wenn wir viel diskutiert haben, sind wir alle zur Überzeugung gekommen, dass er der richtige Mann zum richtigen Zeitpunkt sein würde. Er hat dann einen unausgeglichenen Kader, eine Mannschaft, die 2009 in der Champions League statt 0:4 eigentlich 0:10 hätte in Barcelona verlieren müssen, stabilisiert, diszipliniert und enorm entwickelt.


Wie?


Er hat fußballerisch und personaltechnisch eine Basis geschaffen. Philipp Lahm wurde sein Kapitän, Bastian Schweinsteiger seine rechte Hand, David Alaba Stammspieler, Holger Badstuber ebenfalls, und Thomas Müller war seine Entdeckung. Er hat den jungen Profis auch Schwächephasen zugestanden, egal wie groß der Druck gewesen sein mag. Van Gaal hat Spieler und Werte entwickelt, die Bosse haben zudem in den darauffolgenden Jahren immer wieder sehr kluge Entscheidungen getroffen und den FC Bayern zu einem ständigen Favoriten auf die Champions League aufgebaut.


Es kam eine Phase, in der ich jegliche Freude und jeglichen Spaß verloren hatte. Die Analyse nach dem verlorenen Finale gegen Chelsea war sehr emotional.



Sie waren 2010 mit van Gaal im Königsklassen-Endspiel und 2012 mit Heynckes im Finale dahoam. Danach haben Sie den FC Bayern verlassen. Wie war Ihr Abschied?


Erst einmal war es für mich unglaublich, in diese Bayernwelt – sozusagen im Epizentrum – aufgenommen zu werden. Mit Uli Hoeneß, Franz Beckenbauer, Karl-Heinz Rummenigge. Aber dann kam eine Phase, in der ich jegliche Freude und jeglichen Spaß verloren hatte. Die Analyse nach dem verlorenen Finale gegen Chelsea war sehr emotional. Hoeneß, Hopfner, Rummenigge und ich haben es lange aufgearbeitet, auch laut. Direkt danach, in einem Vieraugengespräch mit Uli Hoeneß, haben wir das Thema und die gemeinsame Zusammenarbeit beendet. Ich glaube, es war die richtige Entscheidung.


Ist etwas hängengeblieben?


Wir haben uns ein paar Wochen später nochmals getroffen, hatten ein sympathisches Gespräch. Er hat zugestanden, dass die Konstellation, in die ich hineinkam, unglaublich schwierig und komplex war. Öffentlich hat sich von uns sowieso nie jemand negativ oder kritisch geäußert. Die Verarbeitung all dessen hat natürlich gedauert, die Zeit habe ich mir auch genommen. Wenn ich zurückdenke, denke ich an unwiederbringliche Momente, an Momente des puren Glücks und der Dankbarkeit, aber auch an Momente, wo ich sage: Die haben richtig reingehauen (grinst). Letztlich aber sind wir freundschaftlich auseinandergegangen.


Für Lewandowski würde ich noch viele Jahre den roten Teppich ausfahren. Er ist einfach Wahnsinn.



Nun wurde die Führungsetage komplett neu aufgestellt. Herbert Hainer ist Präsident, Hasan Salihamidzic Sportvorstand, Oliver Kahn Vorstandsvorsitzender. Wie bewerten Sie diesen Umbruch?


Für mich ist Oliver Kahn der absolut richtige und prädestinierte CEO. Aber zu meinen, er erfüllt sein Amt genauso, wie das vorher praktiziert wurde – das ist unmöglich. Er geht die Dinge anders an, verfolgt seinen eigenen Weg. Mich würde es freuen für Olli, wenn er auch als CEO eine sehr erfolgreiche Ära prägt. Brazzo musste sich gegen viel öffentlichen Gegenwind durchsetzen – davor habe ich großen Respekt.


Für die beiden Bosse stehen jetzt wichtige Vertragsverhandlungen an, unter anderem mit FIFA-Weltfußballer Robert Lewandowski.


Für mich ist es ein Unding, Erling Haaland mit Lewandowski zu vergleichen. Lewandowski steht jedes Spiel auf dem Platz. Haaland ist ein unglaublich talentierter Spieler, ich mache ihm auch keinen Vorwurf, ich war selbst häufig verletzt, aber er fehlt zu oft. Welchen Preis ist man also bereit zu zahlen für einen Spieler, der womöglich in den entscheidenden Wochen im Jahr ausfällt? Für Lewandowski hingegen würde ich noch viele Jahre den roten Teppich ausfahren. Er ist einfach Wahnsinn.


Der Pole ist ein absoluter Musterprofi. Sie haben damals Arjen Robben verpflichtet. Ebenfalls Vorzeigeprofi, aber wie Haaland aktuell war auch der Holländer viel verletzt.


Wir haben Robben am 31. August, um 23 Uhr, verpflichtet. Das war eine Visionsänderung. Van Gaal wollte 4-4-2 mit Raute weiterspielen. Franck Ribery konnte sich in dieser Raute aber mit der Zehn überhaupt nicht anfreunden. Er wollte links spielen. Dafür aber brauchten wir ein ebenbürtiges Pendant auf der rechten Seite. Deshalb haben wir Robben geholt, einen, wie Sie sagen, Musterprofi. Wie er mit seinen Rückschlägen umgegangen ist, war sensationell. Bei seiner hartnäckigen Schambeinentzündung durfte er nur an der Handkurbel arbeiten. Und er hat sie zum Glühen gebracht. Das ging sogar so weit, dass die Spieler untereinander eine Meisterschaft veranstaltet haben: Wer schlägt Arjen an der Handkurbel? Er war ein herausragender Profi mit einem unglaublichen Ehrgeiz. Weshalb van Gaal mal sagte, dass alle 100 Prozent geben müssten, nur Robben nicht, da reichen 70.


Nach van Gaal kamen Heynckes, Pep Guardiola, Carlo Ancelotti, nochmal Heynckes, Nico Kovac, Hansi Flick und jetzt Julian Nagelsmann. Ist auch er der richtige Trainer zur richtigen Zeit?


Ich bin zu 100 Prozent davon überzeugt. Ich kenne Julian Nagelsmann durch Berührungspunkte meiner Spieler in Hoffenheim und Leipzig . Er bringt vieles mit. Für mich wird er sehr bald auf einer Stufe mit Hansi Flick, Jürgen Klopp und Thomas Tuchel stehen. Auch wenn er noch keine Titel gesammelt hat, und die werden bei Bayern kommen, hat er in einem harten Abstiegskampf nach dem Aus von Huub Stevens die TSG Hoffenheim in der Liga gehalten, sie in den zwei Folgejahren auf Platz vier und drei geführt und sich für die Champions League qualifiziert. Bei Leipzig war das Erbe von Ralf Rangnick nicht einfacher. Er stand zweimal im Pokalfinale, zudem im Halbfinale der Königsklasse. Er ist auch jetzt bei Bayern auf Kurs. Trotzdem wird es in München nochmal eine andere Herausforderung werden – weil das Jahreszeugnis manchmal von wenigen Spielen im Frühjahr abhängt.


Interview: Georg Holzner



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