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“Heute kann ich nur staunen über diesen Leichtsinn – oder diesen Mut”



Er schrieb Geschichte – als UEFA-Pokal-Sieger mit Bayer Leverkusen 1988 und viereinhalb Jahre zuvor mit seiner Flucht via Belgrad in die Bundesrepublik. Jetzt wird Falko Götz 60 und spricht über das Heute, das Gestern und die Bilanz eines bewegten Lebens.


Falko Götz gehört zu den 17 Fußballern, die während ihrer aktiven Karriere aus der DDR geflohen sind. Am 2. November 1983 setzte sich der damals 21 Jahre alte Angreifer des BFC Dynamo vor dem Auswärtsspiel der 2. Runde im Europapokal der Landesmeister bei Partizan Belgrad (0:1) gemeinsam mit seinem Teamkollegen Dirk Schlegel in die bundesdeutsche Botschaft im damaligen Jugoslawien ab und floh in der Nacht zum 3. November in den Westen. Mit dem Auto ging es bis Ljubljana, mit dem Nachtzug – und Pässen mit falschen Namen – nach München.


Götz landete wie Schlegel bei Bayer Leverkusen und bestritt am 3. November 1984 bei Arminia Bielefeld (1:1) sein erstes Bundesligaspiel für Bayer. Dieser Partie folgten für die Werkself sowie für den 1. FC Köln (zwischen 1988 und 1992) 241 weitere Bundesligaspiele (46 Tore) und 47 Zweitligapartien (fünf Tore) für den 1. FC Saarbrücken und Hertha BSC. Darüber hinaus spielte Götz zwei Jahre für Galatasaray Istanbul und wurde dort zweimal türkischer Meister. In seiner Titelsammlung finden sich zudem drei DDR-Meisterschaften mit dem BFC Dynamo sowie der UEFA-Pokal-Sieg mit Leverkusen 1988.

Götz arbeitet inzwischen als Scout für Bayer Leverkusen


Als Trainer begann Götz 1997 im Nachwuchs von Hertha BSC und blieb bis 2007 beim Hauptstadtklub – unterbrochen von einem etwa einjährigen Intermezzo als Chefcoach bei 1860 München (März 2003-April 2004). Auch bei Hertha trainierte Götz die Bundesligaprofis, und zwar in der Rückrunde der Saison 2001/02 sowie vom 1. Juli 2004 bis zum 10. April 2007. Anschließend trainierte Götz Holstein Kiel, das Nationalteam Vietnams, Erzgebirge Aue, den 1. FC Saarbrücken und zuletzt den FSV Frankfurt. Seit 2019 arbeitet Götz als Scout für Bayer Leverkusen. An diesem Samstag feiert er seinen 60. Geburtstag.


kicker: Herr Götz, gibt’s am Samstag eine große Sause oder halten Sie die Fete in überschaubarem Rahmen?


Falko Götz: Ich hätte gerne eine große Party gemacht. Aber ich war zuletzt zweimal zu Geburtstagen eingeladen, die dann durch Corona kontaminiert wurden. Deshalb habe ich mich entschlossen, mit meiner Familie nach Berlin zu fliegen und dort ein schönes Essen zu veranstalten – aber eher im kleineren Kreis. Ich würde gerne Freunde einladen, hätte aber Angst, dass dann aus 50 Gästen wegen Corona nur 20 werden. Deswegen werde ich die Party in sicherere Zeiten verschieben.


Wie geht es Ihnen, wenn von Samstag an die 60 steht. Bekommen Sie Schweißausbrüche oder gehen Sie gelassen damit um?


Wegen der Zahl kriege ich eher schon Schweißausbrüche (lacht). Aber ich fühle mich wohl in meiner Haut, habe wenige gesundheitliche Probleme und kann mich nach wie vor sportlich betätigen. Ich hatte zwei schwere Verletzungen in meiner Karriere, einen Achillessehnenriss und einen Kreuzbandriss. Aber das kann ich relativ gut wegtrainieren.

Der 60-Jährige betreibt nur noch Sportarten, die keinen Zweikampf erfordern


Wie sieht Ihr Sportprogramm heute aus?


Ich spiele nach wie vor Golf, gehe laufen und fahre sehr viel Fahrrad. Im Januar war ich mal wieder Ski fahren, das ging auch noch ganz gut.


Wie sieht’s mit Fußball in der Traditionsmannschaft von Bayer 04 aus?


Ich bin schon involviert, aber mehr als Trainer an der Seitenlinie. Fußball spielen selbst wird mir irgendwie zu stressig, weil es doch den einen oder anderen Einschlag in der Muskulatur gibt. Deswegen halte ich es mit Sportarten, die keinen Zweikampf erfordern.


Sie arbeiten bei Bayer als Scout. Haben Sie in diesem Job jetzt Ihre Erfüllung gefunden? Oder wollen Sie noch mal Trainer sein?


Mit dem Trainerjob habe ich eigentlich abgeschlossen. Ich habe als Scout gerade meine Erfüllung gefunden. Zumal sich der Kreis mit Bayer Leverkusen als Arbeitgeber – wie nach meiner Flucht in die BRD damals – gewissermaßen schließt. Ich habe nicht vor, nochmal etwas anderes zu machen.


Ich denke schon, dass meine Karriere als Spieler gemäß meinen Möglichkeiten relativ optimal verlaufen ist.



Blicken wir auf Ihre Spielerkarriere. Haben Sie alles rausgeholt? Oder sagen Sie sich manchmal: Falko, da hättest du noch mehr erreichen können?


Ich denke schon, dass meine Karriere als Spieler gemäß meinen Möglichkeiten relativ optimal verlaufen ist. Die Tatsache, dass ich in jungen Jahren für DDR-Auswahlmannschaften gespielt habe und dann nach meiner Flucht nicht mehr für die Bundesrepublik spielen durfte, hat den Ehrgeiz in Sachen Nationalmannschaft gebremst. Aber man muss auch auf dem Teppich bleiben. Ich habe in der Bundesliga und im Ausland auf Topniveau erfolgreich gespielt und habe Titel gewonnen. Dafür bin ich dankbar – und auch dafür, dass schwere Verletzungen erst am Ende meiner Karriere kamen. Zu meiner besten Zeit war ich gesund.


Zur Wende und zur Wiedervereinigung waren Sie aber noch im besten Fußballalter. Bedauern Sie es nicht ein wenig, nicht nochmal für das vereinigte Deutschland gespielt zu haben?


In den späten 20ern war das für mich kein Thema mehr. Mir hat es Befriedigung verschafft, dass ich beim 1. FC Köln mit fünf späteren Weltmeistern von 1990 (Bodo Illgner, Jürgen Kohler, Paul Steiner, Pierre Littbarski und Thomas Häßler; Anm. d. Red.) eine sehr schöne Zeit hatte und mich damals als Stammspieler durchgesetzt habe.


Sie sind als Stürmer vom BFC Dynamo 1983 nach Leverkusen gekommen und haben – je älter Sie wurden – immer weiter hinten gespielt. Fühlen Sie sich im Rückblick eher als Stürmer oder als Allrounder?


Selbstverständlich als Stürmer (lacht). Grundsätzlich hat es mir immer mehr Spaß gemacht, Tore zu erzielen als Tore zu verhindern. Auch wenn ich in Köln, Istanbul und nach meiner Rückkehr in Saarbrücken sowie bei Hertha auch im Mittelfeld und in der Abwehr gespielt habe.


Heute kann ich nur staunen über diesen jugendlichen Leichtsinn – oder den Mut. Ich wollte unbedingt in der Bundesliga spielen, das war in meinem Kopf fest drin.



1983 sind Sie mit Ihrem Teamkollegen Dirk Schlegel vor dem Europapokal-Spiel des BFC Dynamo bei Partizan Belgrad geflohen. Was empfinden Sie heute, wenn Sie an Ihre Flucht und die Umstände denken?


Heute kann ich nur staunen über diesen jugendlichen Leichtsinn – oder den Mut. Ich wollte unbedingt in der Bundesliga spielen, das war in meinem Kopf fest drin. Die Folgen – oder was bei der Flucht hätte passieren können – kriegt man erst im Nachgang mit, mit ein bisschen mehr Lebenserfahrung. Ich habe schon bisweilen im Kopf, was dabei damals auch hätte schief gehen können. Ich habe in meinem Leben Gott sei Dank oft Glück gehabt. Diese Entscheidung zu treffen, sie durchzuziehen und die Chance in der Bundesrepublik dann genutzt zu haben, ist ein ganz wichtiger Punkt in meinem Leben.


Wenn ich von Highlights spreche, muss ich ganz klar meine Trainerzeit bei Hertha BSC herausheben.



Welche waren in Ihrer Karriere als Profi und Trainer die Highlights?


Es gab Höhen und Tiefen. Ich habe Entscheidungen getroffen, die optimal waren – aber auch welche, die beileibe nicht optimal waren. Wenn ich von Highlights spreche, muss ich ganz klar meine Trainerzeit bei Hertha BSC herausheben. Als Berliner war es für mich eine tolle Sache, in der Stadt meiner Familie zu leben und zu arbeiten. Das waren überragende zehn Jahre.


Gibt es etwas in Ihrer Karriere, das Sie heute auf jeden Fall anders machen würden?


Mir geht es heute einfach zu gut, als dass ich negative Dinge in meinem Kopf zulasse. Es gab sicher auch menschliche Enttäuschungen, und ich habe den einen oder anderen Menschen auch aus meinem Telefonbuch gelöscht. Aber diese Dinge sind es mir nicht wert, sie in die Öffentlichkeit zu tragen. Mein Leben ist zu 80, 85 Prozent so gut gelaufen. Warum soll ich mich mit den 15 Prozent befassen, die nicht so gut gelaufen sind?


Haben Sie noch Kontakt zu Dirk Schlegel?


Ja. Dirk werde ich auch an meinem Geburtstag treffen, er gehört ja praktisch zu meiner Familie.


Sie sagen, Ihre Trainerzeit bei Hertha BSC war ein Highlight für Sie. Wie beurteilen Sie das, was bei Hertha aktuell passiert?


Ich werde mein Leben lang Hertha-Fan sein. Wer mir ein bisschen leidtut, sind die Mitarbeiter, die ich noch aus meiner Zeit kenne und die momentan sicher keine schöne Zeit haben. Wie Hertha sich gerade in der Öffentlichkeit darstellt, ist sicher suboptimal. Es ist einfach schade, dass man diesen Kader nicht ans Laufen bekommt. Er ist überdurchschnittlich gut und rechtfertigt keinesfalls den Tabellenplatz, auf dem Hertha jetzt steht. Am nächsten Wochenende ist Hertha in Leverkusen zu Gast, und ich hoffe, wir bekommen den jüngsten Berliner Aufschwung da nicht zu spüren.


Haben Sie noch Kontakt zum BFC Dynamo?


Mit Andreas Thom (langjähriger Spieler des BFC Dynamo, später u. a. in Leverkusen und bei Hertha; Anm. d. Red.) telefoniere ich regelmäßig. Aber zum Klub wollte und will ich keinen Kontakt. Ich bin ja 1983 nicht nur deshalb geflüchtet, weil ich in der Bundesliga spielen wollte, sondern wollte auch einfach weg von diesem Verein. Ich hatte dort nicht nur schöne Zeiten in meiner Entwicklung. Das Kapitel BFC Dynamo habe ich mit meiner Flucht auch emotional beendet.


Nochmal zu Ihrem aktuellen Job als Scout: Wie lange wollen Sie den noch machen? Ist mit 65 spätestens Schluss?


Im Augenblick bin ich noch sehr viel unterwegs. Sollte das irgendwann nicht mehr gehen oder mir meine Freizeit wichtiger werden, würde ich sicher das Gespräch mit der Klubführung suchen. Noch bin ich aber zu fit, als dass ich mich in den Garten setze und Rosen schnippele. Ich denke noch nicht aktiv an Rente.


Was macht Falko Götz in zehn Jahren?


Dann hat sich das Verhältnis Arbeit zu Freizeit sicher um 80 Prozent zugunsten der Freizeit gedreht (lacht).

Das Interview führte Andreas Hunzinger



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