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“Eineiige Zwillinge” und “aufgewachte” Streithähne: So gratuliert Breitner Hoeneß zum 70.



Sie kennen sich seit 55 Jahren, feierten im Trikot des FC Bayern und DFB große Erfolge, waren im Geiste unzertrennlich. Uli Hoeneß und Paul Breitner galten bis August 2021 aber auch als große Streithähne. Breitners offener Brief zu Hoeneß’ 70. Geburtstag gibt weitere Aufschlüsse.

Kennen Herzlichkeit und Funkstille: Paul Breitner und Uli Hoeneß.


Kennen Herzlichkeit und Funkstille: Paul Breitner und Uli Hoeneß.

imago/Horstmüller


Der Versöhnung zwischen Uli Hoeneß und Paul Breitner erfolgte bei Gerd Müllers Trauerfeier im vergangenen August. “Jetzt haben wir uns Jahrzehnte verhalten, wie es nicht einmal kleine Kinder tun würden”, sagte Breitner im vergangenen Sommer. Die beiden Ausnahmespieler hatten sich auch auf Vermittlung von Karl-Heinz Rummenigge wieder angenähert, zum Schluss des Versöhnungsgesprächs hätten sich die beiden sogar umarmt.


Eine Herzlichkeit, die für die beiden über viele Jahre Alltag war und zugleich nicht für mehr möglich gehalten wurde, denn die beiden meinungsstarken Bayern-Granden fetzten sich mindestens zweimal öffentlich. Nach diesen Streitigkeiten prägte eine eisige Funkstille ihre (Nicht)-Beziehung.


Emotionale Details ihres langen gemeinsamen Weges kann man aus dem von Breitner an Hoeneß verfassten Gratulations-Brief herauslesen, der im aktuellen Mitglieder-Magazin “51” veröffentlich wurde.

Offener Brief von Paul Breitner an Uli Hoeneß


Lieber Uli,


kennengelernt haben wir uns im Oktober 1966 beim Lehrgang zur Süddeutschen Jugendauswahl in Karlsruhe. Als die Doppelzimmer vergeben wurden, standen wir, ich gerade 15 Jahre alt, Du noch 14, zufällig nebeneinander – und wurden unzertrennbar. Jahrelang teilten wir uns das Zimmer, ich fuhr zu den Lehrgängen mit dem Zug immer von Freilassing über München nach Ulm, wo Du zugestiegen bist – und blieb auf der Rückreise noch ein paar Stunden bis zum letzten Zug bei Dir.


Wir verstanden uns auf Anhieb, weil wir trotz grundverschiedener Interessen und teils konträrer Ansichten bei zentralen Werten wie Wille, Einsatz und Fleiß wie eineiige Zwillinge sind. Unser Magnet war gegenseitiger Respekt: Wir wussten, dass wir uns zu 100 Prozent aufeinander verlassen können, auf dem Platz wie im Leben. Durch unser Umfeld wurden wir beide früh erwachsen – Du musstest in Eurer Metzgerei helfen, ich managte meinen Alltag mit zwei voll berufstätigen Eltern schon als Kind eigenständig. Es war nur logisch, dass wir eine WG gründeten, als wir 1970 zum FC Bayern wechselten. Zu dem Zeitpunkt waren wir längst wie ein altes Ehepaar und wussten, wie der andere tickt.


Als Profi hattest Du mal einige Monate die Marotte, eine Körperwaage überallhin mitzunehmen und Dich zehnmal am Tag draufzustellen. Ich werde nie vergessen, wie wir im März 1973 vor dem Europapokal-Viertelfinale gegen Ajax Amsterdam schon abfahrbereit sind und Du Dir auf einen Schlag noch mal die Klamotten runterreißt, Dich wiegst und strahlst: “Paul, für heute habe ich ein super Gefühl!” Wir verloren 0:4. Nach der Rückkehr ins Hotel sagte ich zu Dir: “Entweder Du schmeißt diese Waage jetzt sofort aus dem Fenster, oder ich mach es!” Damit hatte sich das Thema erledigt.


Wir waren gedanklich so eng verbunden, dass wir auch füreinander wichtige Telefonate geführt, verhandelt und Entscheidungen getroffen haben. So wie vor der WM 1974, als Du mit einem Verleger vereinbart hattest, dass wir beide zusammen ein Buch herausbringen. Dein Verkaufsargument: Wir signieren jedes Exemplar persönlich. Ich dachte mir: Ja mei, unterschreiben wir halt ein paar Tausend Stück. Am Ende waren es dann genau 307.500 Bücher. Noch Monate nach der WM wurden mir die Einlegeblätter stapelweise nach Madrid geschickt.


Unser Kontakt riss während meiner drei Jahre in Spanien nicht ab, im Gegenteil: Alle paar Wochen haben wir uns besucht. Meine Erfahrungen bei Real, das damals bereits über 600 Angestellte hatte, hast Du aufgesaugt wie ein Schwamm. In dieser Zeit ist die Idee gewachsen, aus dem FC Bayern ein zweites Real Madrid zu machen, einen Weltverein – das war unser gemeinsamer Traum.


All die Jahre gab es nicht ein böses Wort; den ersten großen Streit hatten wir im Januar 1983, als Du Manager warst und ich beschloss, am Saisonende aufzuhören. Du konntest nicht verstehen, warum ich mit gerade einmal 31 meine Karriere beendete, auf meinem Zenit – weil Du selbst gezwungen warst, mit 27 aufzuhören. “Spielt, solange ihr könnt. Es ist die schönste Zeit eures Lebens”, hast Du Deinen Spielern stets gepredigt. Dabei war Dein Schicksal ja das große Glück für den FC Bayern: Du hast den Verein geprägt wie sonst nur Gerd Müller mit seinen Toren. Und auch für mich war dieser Streit damals wegweisend. Im Nachhinein bin ich Dir unendlich dankbar, denn sonst hätte ich wohl eine Funktionärslaufbahn eingeschlagen, die mein frühes Karriereende konterkariert hätte – schließlich wollte ich vom Fußball frei sein.


Dass ich Dich und den FC Bayern zwischendurch auch mal öffentlich angegangen bin, lag daran, dass sowohl Du als auch der Verein mir immer wichtig waren – und heute noch sind. Ich habe manche Entscheidung kritisiert, weil ich der Einzige war, der sich getraut hat, Dir Kontra zu geben. Ich wollte damit auf Dinge aufmerksam machen, zum Wohl unseres FC Bayern. Wäre es mir egal gewesen, hätte ich mich gar nicht erst damit beschäftigt.


Lieber Uli, ich bin froh, dass wir beide zur Vernunft gekommen und aufgewacht sind: Es wäre schlimm gewesen, wenn wir unseren Weg nicht auch jetzt noch zusammen genießen könnten.


Zu Deinem Geburtstag wünsche ich Dir eine geniale Idee für Deinen persönlichen Wunsch, dass Du, Karl-Heinz Rummenigge und ich noch mal gemeinsam etwas Großes reißen. Und da ich Dir altersmäßig immer ein paar Monate voraus war, kann ich versichern: Auch der 70. tut nicht weh.


Dein Paul



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