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Die Prinzen im Tower: War es Mord? – Gesellschaft


Wenn dicke Mauern sprechen könnten, würde man denen des Tower of London besonders neugierig zuhören. Fast 800 Jahre lang diente die imposante Festung als Gefängnis und Hinrichtungsstätte, in der oft bekannte Persönlichkeiten eingekerkert wurden. Oder sogar den Tod fanden: König Henry VI. wurde hier 1471 ermordet, Anne Boleyn 1536 geköpft. Mit dem Tower of London unweigerlich verbunden ist aber eine Geschichte, die die Briten bis heute rätseln lässt. In ihrem Zentrum steht das Schicksal der beiden Prinzen Edward V. und Richard of Shrewsbury. Von ihrem Onkel Richard in die Festung verbannt, verliert sich ihre Spur 1483 im Tower.

Aber von vorn: 1470 wird Edward von York, später bekannt als Edward V., geboren. Er ist der Sohn des englischen Königs Edward IV. und der machtbewussten Elizabeth Woodville, die als Großmutter Heinrichs VIII. eine zentrale Figur der englischen Geschichte ist. 1473 kommt Edwards jüngerer Bruder Richard von Shrewsbury auf die Welt. Gerade einmal ein Jahr ist Edward alt, da macht ihn sein Vater zum Thronfolger von England. Zehn Jahre später, im April 1483, stirbt der König überraschend. Die Vormundschaft für die beiden Söhne hat er – gegen den expliziten Willen der Königin – seinem Bruder Richard übertragen. Bis zur Volljährigkeit seines Neffen soll dieser außerdem die Regentschaft über England übernehmen.

Doch Richard hat andere Pläne. Kurzerhand lässt er seine Neffen für illegitim erklären und besteigt im Juni selbst den Thron als Richard III. Die Brüder, zwölf und neun Jahre alt, lässt er zuvor in den Tower of London sperren. Dort werden sie zuletzt im Sommer 1483 gesehen. Danach sind sie wie vom Erdboden verschluckt.

Nach seinem Tod galt Richard III. als skrupelloses Monster

Die Frage, was mit den Prinzen geschehen ist, bietet Wissenschaftlern und Hobbyhistorikern bis heute Anlass für neue Theorien und Spekulationen. Hat Richard III. wirklich den Tod seiner Neffen veranlasst, um ungestört den Thron besteigen zu können? Bei Diskussionen um einen potenziellen Mörder der Kinder fällt sein Name sehr schnell. Das ist nur wenig verwunderlich: Immerhin eilt ihm der Ruf als machthungriger, brutaler Schurke voraus. Geprägt wurde dieser üble Leumund in der Ära der Tudors. Niemand Geringeres als William Shakespeare hat die Legende zusätzlich befeuert. Er bezeichnete den verstorbenen König nicht nur als “bucklige Giftkröte”, sondern widmete ihm mit dem Schauspiel “Richard III.” auch eines seiner populärsten Dramen. In der Handlung wird Richard III. zum skrupellosen, mörderischen Onkel, der allerlei Gräueltaten begeht. Allzu nahe an der Realität dürfte sich Shakespeare dabei jedoch nicht bewegt haben. Längst fanden Wissenschaftler heraus, dass Richard III. für viele der ihm zur Last gelegten Verbrechen gar nicht verantwortlich war. Darüber, ob er aber etwas mit dem Schicksal der Prinzen zu tun hatte, wird hingegen weiter leidenschaftlich gestritten.

Die einen glauben: Ja, die Kinder wurden auf Befehl ihres Onkels umgebracht. Zu diesem Ergebnis kommt etwa eine Studie des Professors Tim Thornton. Dabei bezieht sich der Historiker auf ein im 16. Jahrhundert geschriebenes Buch des Philosophen und Staatskanzlers Sir Thomas More. Dieser beschuldigt darin zwei Männer, die Prinzen auf direkten Befehl von Richard III. ermordet zu haben. Weil More beim Verschwinden der Prinzen erst fünf Jahre alt war, zweifelten Wissenschaftler seine Schilderungen bis dato an. Thornton ist es jedoch gelungen nachzuweisen, dass More zwei Söhne des von ihm beschuldigten Haupttäters kannte. Er habe mit ihnen am Hof der Tudors zusammengearbeitet. Der Professor mutmaßt, dass sie sich mit More über die Rolle ihres Vaters beim vermeintlichen Mord an den Brüdern unterhalten haben könnten. Er hält die Schilderungen des berühmten Humanisten deshalb für durchaus glaubhaft.

Eine kürzlich erschienene Theorie entlastet Richard III. hingegen. Die Verantwortlichen der Untersuchung “The Missing Princes Project” gehen zwar davon aus, dass er seine Neffen verschwinden ließ. Aber: Edward V. sei nicht im Tower of London umgebracht, sondern lediglich aufs Land verbannt worden. Im englischen Coldridge hätte er unter dem Namen John Evans weitergelebt. Beweise sieht John Dike, Leiter des Projekts, etwa in der Kirche im Dorf. Dort würden zahlreiche Hinweise, wie etwa die Bilder auf den Glasfenstern, darauf hindeuten, dass es sich bei John Evans um den verschwundenen Prinzen gehandelt habe.

Auch andere profitierten vom Verschwinden der Kinder

Unabhängig von Richard III. gibt es weitere Hypothesen, was mit den beiden Prinzen geschehen sein könnte. Denn auch andere hatten gute Gründe, die Brüder tot sehen zu wollen. Einige Historiker bringen den Namen Henry Stafford ins Spiel. Er galt lange Zeit als rechte Hand von Richard III. und hatte ihm geholfen, die Krone zu übernehmen. Immer wieder wird gemutmaßt, dass er es selbst auf den Thron abgesehen hatte und deshalb seine Konkurrenten beseitigen wollte. Zudem hatte er jederzeit Zugang zum Tower. Im November 1483 wurde Stafford hingerichtet. Der potenzielle Mord an den Prinzen hätte also schon zuvor stattfinden müssen.

Henry VII., der nach dem Tod von Richard III. 1485 den Thron bestieg, gilt einigen Forschern ebenfalls als Verdächtiger. Ihr Argument: Durch die Ermordung der Prinzen hätte er seinen Anspruch auf die Krone sichern wollen. Allerdings kehrte Henry VII. erst zwei Jahre nach dem Verschwinden der Kinder aus dem Exil zurück. Die Frage, warum sie in der Zwischenzeit von niemandem gesehen wurden, bleibt also offen.

Gerade einmal zwei Jahre trägt Richard III. die englische Krone, bis er 1485 in der Schlacht von Bosworth stirbt. Mit seinem Tod ist die Ära der sogenannten Rosenkriege des englischen Mittelalters Geschichte. Henry VII. wird gekrönt, das Zeitalter der Tudor-Dynastie bricht an. Nur wer tatsächlich für den Tod der beiden Prinzen verantwortlich war, wann und wo sie gestorben sind und ob sie überhaupt getötet wurden, bleibt auch 500 Jahre später ein Rätsel.



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