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Der Philosoph Saul Kripke ist tot – Kultur


“Saul Kripke ist möglicherweise der einzige lebende Philosoph, der die Welt der Philosophie mit unorthodoxen Arbeiten auf Gebieten wie Zeit, Materialismus und Emotionen erschüttern kann.” Der Satz stammt aus einem Porträt Kripkes, das die New York Times 1977 veröffentlichte. Zu dem Zeitpunkt galt der 1940 in Bay Shore geborene amerikanische Philosoph unter Kollegen längst als Genie. Mit 18 Jahren veröffentlichte er einen ersten hochkomplexen Aufsatz zu einem Problem der Modallogik, in dessen direkter Folge kaum ein ernstzunehmender Logiker nicht in der ersten Fußnote schreiben musste: “Ich verdanke Hinweise und Korrekturen Saul Aaron Kripke.” Da hatte der junge Mann noch keinen Abschluss.

Kripke blieb kein Wunderknabe, sondern entwickelte sich zu einem Gelehrten, der mit seinen Aufsätzen die analytische Philosophie beeinflusste, wie wohl niemand sonst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Als er mit 33 Jahren die renommierten John-Locke-Lectures in Oxford hielt und vier Jahre später einen Lehrstuhl an der Princeton University hielt, war er bereits eine lebende Legende.

Kant und der Phänomenologie unterstellte er einen folgenschweren Denkfehler

In Deutschland war es der Münchner Philosoph Wolfgang Stegmüller, der sehr früh die Bedeutung von Kripkes Analysen erkannte. In seinem vierbändigen Standardwerk “Hauptströmungen der Philosophie” kam er gleich mehrfach auf Kripke zu sprechen. Dabei stellte Stegmüller nicht den philosophischen “Techniker” Kripke den deutschen Lesern vor, sondern den Kenner und Kritiker der philosophischen Tradition.

Es war Immanuel Kant und mehr noch die Phänomenologie, denen Kripke einen folgenschweren Fehler unterstellte: Sie hätten ihre Überlegungen auf einer Verwechslung von Apriorität und Notwendigkeit aufgebaut. Erstere gehöre zur Erkenntnistheorie, letztere sei ein Begriff aus der Metaphysik und damit auch ein Fall für diese. Das hatte weitreichende Folgen, denn damit gerieten auch die Erfahrungswissenschaften in Nöte. In Kripkes Worten: “Da die empirischen Wissenschaften keine apriorischen Erkenntnisse (also Erkenntnisse, die vor aller Erfahrung gültig sind) zu gewinnen trachten, können sie, falls notwendige Wahrheiten mit Wahrheiten a priori gleichzusetzen sind, auch keine Wesenserkenntnisse liefern.”

Was daran haften blieb, war die argumentationslogische Dreistigkeit, mit der Kripke vorging. Aber Kant und die Phänomenologen, die Sprachphilosophen und die Empiriker waren nicht die einzigen, die sich nach Kripke-Interventionen erst einmal sortieren mussten. Nicht minder schwer traf es die immer größer werdende Gemeinde der Wittgenstein-Anhänger. Dessen Spätwerk widmete Kripke 1982 eine grundstürzende Deutung.

Seine Texte suchen ob ihrer Stringenz und Innovationskraft ihresgleichen

Aus den “Philosophischen Untersuchungen” Wittgensteins löste Kripke das heraus, was der als “Regelfolgen” bezeichnet hatte: Regeln begründen nicht die Praxis, sondern an Regeln ausgerichtetes Verhalten ist immer schon durch die Praxis bestimmt. Seit Jahrzehnten wird höchst filigran darüber diskutiert, wie Kripke, der lediglich den ersten Satz des als Revolution betrachteten Paragraphen 201 der “Philosophischen Untersuchungen” (“eine Regel könnte keine Handlungsweise bestimmen, da jede Handlungsweise mit der Regel in Übereinstimmung zu bringen sei”) mit einem weiteren dramatischen Satz aus Paragraph 243 zusammenfügte (“Ein Mensch kann sich selbst ermutigen, sich selbst befehlen, gehorchen, tadeln, bestrafen, eine Frage vorlegen und auf sie antworten”) dies wohl genau meinte. Inzwischen haben sich längst ästhetische und ethische Diskussionen angeschlossen, die Kripkes vermeintlichen Eskapismus auflösen und ihn auf die Frage nach dem Wesen des Menschen zurückführen.

Die Einschätzung der New York Times führte zu einer großen und bis heute andauernden Debatte. Die Philosophie hatte in den USA mit Werken von John Rawls “Theorie der Gerechtigkeit” (1971) und Robert Nozicks “Anarchie, Staat, Utopia” (1974) erfolgreich die Abkehr von einer apolitischen analytischen Philosophie vollzogen, da kam Kripke und stieß sie scheinbar zurück in die Niederungen einer mathematisierten Abstraktheit, die zwar alle “möglichen Welten” kannte, aber darüber hinaus nichts zu sagen hatte.

Kripke selbst ließen solche Fragen völlig unberührt. Er veröffentlichte weiterhin Aufsätze, die ob ihrer Stringenz, ihrer ebenso freien wie präzisen Rückführung auf die philosophische Tradition und ihrer Innovationskraft ihresgleichen suchen. Bei Suhrkamp und Reclam pflegt man das Werk nicht zuletzt dank eindrücklicher Übersetzer wie Ursula Wolf und Uwe Voigt. Nun ist Saul Aaron Kripke, einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, am 15. September im Alter von 81 Jahren gestorben.



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