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Das Geheimnis um Putins „Scheherazade“ und warum Oligarchen Super-Jachten lieben


In einem Werftbecken in der toskanischen Küstenstadt Carrara liegt die „Scheherazade“ vor Anker – das derzeit wohl berüchtigtste Schiff in ganz Italien. Es wird vermutet, dass die 140 Meter lange Jacht keinem Geringeren als Russlands Präsident Wladimir Putin gehören könnte. Die rund 700 Millionen Dollar (rund 600 Millionen Euro) teure Jacht, bugwärts dem Mittelmeer zugewandt, ist derzeit Gegenstand der Ermittlungen der italienischen Finanzpolizei.

Seit dem Einmarsch Moskaus in die Ukraine im vergangenen Monat sind in Europa bereits mehrere Jachten russischer Oligarchen beschlagnahmt worden. Sollte dieses Schicksal auch die „Scheherazade“ ereilen, wäre sie der spektakulärste Fall – zumindest, falls als Besitzer tatsächlich der russische Präsident nachgewiesen werden kann.

Wem gehört „Scheherazade“?

Das Schiff liegt seit einigen Monaten zu Wartungszwecken in einer Werft der Italian Sea Group in Marina di Carrara – unweit der berühmten Marmorsteinbrüche von Carrara – im Westen der Toskana. Ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP beobachtete am Mittwoch keine Anzeichen von Aktivitäten an Bord, nur einige Arbeiter waren in der Nähe der Jacht zu sehen.

Wie AFP von einer der Finanzpolizei nahestehenden Quelle erfuhr, dürften die Ermittlungen binnen weniger Tage abgeschlossen sein. „Wir befinden uns in einer Phase, in der wir tiefer in die Materie eintauchen“, hieß es. „Es ist nicht immer einfach, die Eigentumsverhältnisse zuzuordnen.“

Eines dürfte klar sein: Wer so eine Jacht besitzt, pflegt einen extravaganten Lebensstil. Das von der deutschen Firma Lurssen im Jahr 2020 gebaute Schiff verfügt laut der Website SuperYachtFan, die Informationen über Jachten und ihre Besitzer recherchiert, über zwei Hubschrauberlandeplätze, einen Swimmingpool und ein Kino.

Medienberichten zufolge gehört die „Scheherazade“, die unter der Flagge der Cayman-Inseln segelt, einem auf den Marshall-Inseln registrierten Unternehmen. Mitglieder der Anti-Korruptions-Stiftung des inhaftierten Kreml-Kritikers Alexej Nawalny veröffentlichten am Montag ein Video auf Youtube, in dem sie die Jacht dem russischen Präsidenten Putin zuschreiben. Der Kapitän sei Brite, die übrige Besatzung russisch, hieß es in dem Video.

Die Rechercheure beriefen sich auf eine ihnen vorliegende Liste mit Namen von Besatzungsmitgliedern. Mehrere von ihnen sollen Mitarbeiter des staatlichen russischen Schutzdienstes sein, der für Putins Sicherheit zuständig ist.

Plötzlich wird die Besatzung vollständig ersetzt

Am Mittwoch berichtetete Gewerkschafter Paolo Gozzani von der Gewerkschaft CGIL, der auch Werftarbeiter angehören, dass sich die Besatzung der „Scheherazade“ in den vergangenen Tagen plötzlich geändert habe. „Die Besatzung bestand ausschließlich aus russischem Personal“, sagte er der Nachrichtenagentur AFP. „Und dann wurde plötzlich das gesamte Personal durch eine britische Besatzung ersetzt.“ Die Gründe dafür seien unklar.

Werfbetreiber Italian Sea Group erklärte unterdessen, die Jacht sei „nicht dem Eigentum des russischen Präsidenten Wladimir Putin zuzuordnen“. Diese Einschätzung basiere auf „den in ihrem Besitz befindlichen Unterlagen und den Ergebnissen der von den zuständigen Behörden durchgeführten Kontrollen“.

In einem Interview mit der „New York Times“ sagte auch der britische Kapitän der „Scheherazade“ Anfang März, Putin sei nicht Eigentümer des Schiffes – der russische Präsident habe nie einen Fuß an Bord gesetzt. Der Kapitän weigerte sich, den Namen des Eigners zu nennen, erklärte jedoch, dass es sich um niemanden handele, gegen den derzeit Sanktionen verhängt seien.

Sicherheitsbedürfnis und juristische Winkelzüge: Warum Super-Jachten unter Oligarchen so beliebt sind

Bleibt die Frage, warum Oligarchen, neben dem offensichtlichen Geprotze mit einem Statussymbol, so sehr auf millionenteure Luxus-Kreutzer abfahren? Ein Grund dürfte sein, dass für in internationalen Gewässern geschlossene Verträge die Rechtsprechung gilt, unter welcher Flagge das Schiff fährt.

Wenig überraschend sind das in den allermeisten Fällen Flaggen von Steuerparadiesen. Aber rechnet sich ab und an ein Deal auf hoher See bei Preisen im dreistelligen Millionenbereich? Gegenüber der „Zeit“ gibt ein Skipper, der bereits mehrfach mit Oligarchen um die Welt schipperte, anonym folgende Antwort: „Diese Menschen rechnen anders. Sie geben so viel Geld aus, weil sie es eben können.“ Jachten seien keine schlechte Anlage. Sie würden nur langsam im Wert verfallen und könnten an andere Superreiche weitervermietet werden. „Und wenn es irgendwo mal brenzlig werden sollte, ist man schnell weg“, wird der Skipper weiter zitiert.

Tatsächlich scheint Paranoia beim Jachten-Kauf der Oligarchen durchaus eine Rolle zu spielen.

„Wer sehr reich und mächtig ist, hat eben sehr viele Feinde – und jetzt noch ein paar mehr“, zitiert die „Zeit“ eine ehemalige Mitarbeiterin eines „Full-Service“ Dienstleisters für Luxus-Jachten in Barcelona. Ihre ehemaligen Kunden hätten ein extrem hohes Sicherheitsbedürfnis. „Sie fühlen sich auf hoher See einfach sicherer als auf dem Land, aber selbst da nicht zu hundert Prozent.“

Als Beispiel nennt sie die Jacht des Putin-Vertrauten und ehemaligen Besitzer der Londoners Fußballklubs FC Chelsea: Roman Abramowitsch. Der hätte nicht nur die Wände seiner Superjacht Eclipse panzern und ein Raketenabwehrsystem einbauen lassen.

Was man eben so bekommt für 800 Millionen Euro.





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