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Dank Prägers Frechheit und ohne VW-Millionen: Wolfsburgs provozierender Aufstieg vor 25 Jahren



Anfangs nur ein Underdog, aber inzwischen eine feste Größe: Vor 25 Jahren stieg der VfL Wolfsburg in die Bundesliga auf – noch ohne viel Geld von Volkswagen.

25 Jahre Wolfsburger Bundesligageschichte wurden geprägt von Aufstiegsheld Roy Präger, Meister Edin Dzeko und Rekordspieler Maximilian Arnold (v.l.).


25 Jahre Wolfsburger Bundesligageschichte wurden geprägt von Aufstiegsheld Roy Präger, Meister Edin Dzeko und Rekordspieler Maximilian Arnold (v.l.).

imago


Plötzlich kursierten rund um das altehrwürdige Wolfsburger Stadion am Elsterweg am Tag des Aufstiegs Handzettel. Darauf der Slogan: “1. Liga – Wolfsburg ist dabei – Heute Mainz 05 und morgen Bayern München”. Die Wolfsburger Allgemeine präsentierte dazu jubelnde Wolfsburger und auf der Rückseite den Entwurf einer Postkarte, adressiert an den Rekordmeister aus dem Süden. Mit frechen Zeilen, die jeder Fan unterschreiben sollte: “Lieber FC Bayern, ein Rudel hungriger Wölfe hat heute Eure Witterung aufgenommen … Pflegt die Meisterschale gut. Wer weiß, wie lange sie noch in München steht.”


Provokante Grüße aus der niedersächsischen Provinz an jenem 11. Juni 1997, als sich der Klub aus der Stadt, die bis dahin durch kaum mehr als ihre Autos bekannt war, die Zugehörigkeit zur Beletage sicherte. 5:4 hieß es am Ende nach einem dramatischen Verlauf am letzten Spieltag der Zweitligasaison gegen ebendiese Mainzer, in deren Reihen ein gewisser Jürgen Klopp einen ersten vergeblichen Versuch, damals noch als Spieler, verkraften musste, in die Bundesliga zu gelangen. Heute weiß man: Nicht nur Klopp, sondern auch der VfL sollten künftig deutsche Fußball-Geschichte schreiben. Seit 25 Jahren sind die Wolfsburger nunmehr Mitglied im Oberhaus.

Der Mainzer Jürgen Klopp und Wolfsburgs Holger Ballwanz kämpfen um den Ball und den Aufstieg.


Der Mainzer Jürgen Klopp und Wolfsburgs Holger Ballwanz kämpfen um den Ball und den Aufstieg.
imago/Rust


Lizenzentzug knapp entgangen


Dabei hatte es vier Jahre vor dem großen Triumph kurzzeitig ganz anders ausgesehen. Gerade erst ein zweites Mal in die 2. Liga aufgestiegen, drohte 1993 plötzlich der Lizenzentzug. Bei der Prüfung der Unterlagen war der DFB auf eine Unterdeckung bei den Werbeeinnahmen gestoßen – die fehlenden 500.000 D-Mark wurden schließlich im Eilverfahren von Wolfsburger Geschäftsleuten und Privatpersonen, darunter der VfL-Vorstand Wolfgang Heitmann, der betuchte, sozial engagierte Unternehmer Günther Werker und sogar Manager Peter Pander zusammengetragen.


Das Unheil wurde im letzten Moment abgewendet – eine Rettungstat von historischer Bedeutung. “Der Zwangsabstieg wäre für den überschuldeten Klub ein herber Rückschlag, vielleicht sogar das Ende gewesen”, mutmaßt Pander heute. So aber bildete die Aktion eine Art Initialzündung für einen Sponsoring- Pool, in dem Heitmann, Besitzer eines Autohauses und diverser gastronomischer Betriebe, gemeinsam mit Geschäftstreibenden der Stadt den Fußballstandort am Leben hielt.


Wollen wir weiter Profifußball in Wolfsburg haben oder nicht?


Wolfgang Heitmann, ehemaliger VfL-Vorstand


Und Volkswagen? Schaute erst mal zu. Zuwendungen gab es als eine Art Mäzenatentum für den Gesamtverein, der im örtlichen Leistungszentrum seit den 1960er Jahren mithilfe des großen Förderers eine Vielzahl an Spitzenathleten und Olympia-Teilnehmern in verschiedensten Sportarten hervorbrachte. Der Fußball dagegen führte eher ein Mauerblümchen-Dasein. Man spielte noch in den 1980er Jahren vor kaum mehr als 500 Zuschauern in der Oberliga.


“Wollen wir weiter Profifußball in Wolfsburg haben oder nicht?” Die Frage Heitmanns wurde von den Förderern wie ein Aufruf zum Aufbruch verstanden. So gelang neben der Rückkehr in die 2. Liga, der der VfL in den 1970er Jahren schon einmal für zwei Spielzeiten angehört hatte, auch das Erreichen des DFB- Pokal-Finales 1995, wo das Team beim 0:3 gegen Mönchengladbach aber chancenlos blieb.

Wolfsburg - Mainz 5:4, Saison 1996/97


Mit einem 5:4-Sieg gegen Mainz steigt der VfL Wolfsburg in die Bundesliga auf.
imago/Rust



Anders die Situation 1997. Mit Willi Reimann hatte der VfL einen erfahrenen Bundesliga-Coach gewonnen. Der Ex-Hamburger formte beim Underdog ein Team, das es 1996/97 mit der namhaften Konkurrenz jener Zeit aus Kaiserslautern, Berlin, Frankfurt oder Uerdingen aufnehmen konnte. Und das sich schließlich überraschend durchsetzte, als Tabellenzweiter und als echte, verschworene Einheit. Mit Torhüter Uwe Zimmermann, Routinier Jens Keller, regionalen Größen wie Holger Ballwanz oder Detlev Dammeier, den nach der Wende in den Westen gekommenen Sven Ratke, Matthias Maucksch und Mathias Stammann sowie einem Roy Präger, der – zuvor bei Fortuna Köln noch als “Chancentod” verschrien – mit seiner frechen Art, seinen Dribblings und Toren zum Inbegriff des neuen VfL Wolfsburg werden sollte.

“Erfolg produziert Erfolg”


Den fand dann auch Volkswagen, seit 1992 immerhin mit seinem Logo auf dem Trikot als kleinerer Gönner dabei, gut. Der Coup ließ aus Sicht des Konzerns vor dem Werkstor eine neue Erlebniswelt für die eigene Produktpräsentation erahnen. Hatte man bislang verstärkt den kulturellen Sektor wie Pop-Konzerte oder Kunstausstellungen im Blick, so kündigte nach dem “Urknall” Bundesliga-Aufstieg Dr. Ekkehard Wesner, seinerzeit verantwortlich für den Bereich Sportsponsoring, frei nach dem Prinzip der Autobauer “Erfolg produziert Erfolg” in typischem Unternehmerdeutsch eine mögliche Leitlinie für die Zukunft an: “Wenn wir die Liga erhalten, steht für die Positionierung die Schlagkraft und das Netzwerk eines globalen Konzerns zur Verfügung.”


Ich dachte, es gehe um Profifußball und nicht um Schöner Wohnen.


VfL-Aufstiegstrainer Willi Reimann


Und natürlich das große Geld. Auch wenn dies nur allmählich floss und längst nicht alle Probleme der “Fußball-Boomtown” löste. Einen Vorgeschmack darauf lieferte die Episode Valdas Ivanauskas. Als eine der dringenden Verstärkungen für die Bundesliga hatte der damalige litauische Top-Stürmer, beim großen HSV losgeeist, unter viel Applaus in der Saisonvorbereitung seine erste Trainingseinheit bei den Wölfen absolviert – und sich gleich darauf auf Drängen seiner Frau, die nicht in Wolfsburg leben wollte, verabschiedet! “Ich dachte, es gehe um Profifußball und nicht um Schöner Wohnen …”, registrierte Trainer Reimann das kurze Intermezzo seines Hoffnungsträgers mit bittersüßem Humor.


Obwohl Reimann selbst in der Erstliga-Premierensaison, die mit einem Etat von umgerechnet rund neun Millionen Euro bestritten wurde, später für seinen Nachfolger Wolfgang Wolf Platz machen musste, klappte es auch ohne Ivanauskas mit dem Klassenerhalt. In immerhin einem Vierteljahrhundert ununterbrochener Bundesliga-Zugehörigkeit blieb die hohe Fluktuation an Spielern, darunter spektakuläre Transfers namhafter Stars wie beispielsweise Stefan Effenberg (2002/03), ständiger Begleiter.

Bisher erst drei Spieler mit über 200 Bundesliga-Spielen


Es gab kaum einen Spieler, der die Marke von 200 Bundesliga-Einsätzen für den VfL erreichte. In nun 25 Jahren gelang dies lediglich Maximilian Arnold (285), Diego Benaglio (259) und dem heutigen Sportdirektor Marcel Schäfer (256). Bei den anderen drei Teams, die ebenfalls die kompletten letzten 25 Jahre in der Bundesliga spielten (Bayern München, Borussia Dortmund, Bayer 04 Leverkusen), sind es deutlich mehr Akteure.


Fakten, die spätestens seit dem Großeinstieg von Volkswagen als Eigentümer der “VfL Wolfsburg-Fußball GmbH” den verbreiteten Eindruck bestärken, dass es eher das vergleichsweise viele Geld ist, das die Protagonisten für eine Weile in die Diaspora am Mittellandkanal zieht. Echte Verbundenheit dorthin entwickelten weder viele Spieler noch Fußballfans außerhalb der Stadtgrenzen. Und das trotz großer Erfolge wie der Champions-League-Starts 2009, 2015 und 2021 oder des DFB-Pokalsiegs 2015.


Auch Fast-Abstiege und Relegationsspiele gegen die Nord- Rivalen Eintracht Braunschweig und Holstein Kiel 2017 und 2018 emotionalisierten eher vorübergehend. Wie natürlich auch jene 2009 dann tatsächlich mit Felix Magath gewonnene Meisterschaft, die die Fans im Jubel über das Wunder ja 1997 bereits angekündigt hatten – per Postkarte nach München.



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